Annäherungen In Etappen durch Lombardia, Emilia-Romagna, Liguria und das Piemonte, 2. Teil


Annäherungen In Etappen durch Lombardia, Emilia-Romagna, Liguria und das Piemonte

© Brigitta Dewald-Koch 2017

 

6. Juni

I found my Love in Portofino, sang 2013 Andrea Bocelli im Hafen von Portofino, begleitet vom Pianisten David Forster. Eine Life-Aufnahme, jedoch für mich nur im Fernsehen mitzuerleben. Nach Vernazza war ich skeptisch gegenüber dem als mondän beschriebenen Portofino geworden. Trotzdem, ich wollte mir mein eigenes Bild von Portofino machen. In Santa Margherita Ligure nahmen wir das Boot, das uns in das im westlichen Abschnitt des Golfo del Tigullio in einer Bucht der gleichnamigen Halbinsel gelegenen Portofino (ligurisch Portofin) brachte. Die Überfahrt dauerte ca. zwanzig kurzweilige Minuten. Und dann waren wir da, in dieser kleinen Bucht, die einem sofort den Eindruck vermittelt, als betrete man einen Teil des Paradieses, und egal, wo wir uns an diesem Ort auch befanden, der Eindruck, im Paradies angekommen zu sein, verflüchtigte sich nie.

Klar, die Preise sind höher als sonst wo, aber die Bedienung ist höflich, freundlich, die Speisen und Getränke werden äußerst appetitlich serviert, und im Hafen zu sitzen, den ankommenden und abfahrenden Booten zuzusehen, oder den halsbrecherischen Reparaturarbeiten an Segelbooten, die Blumenpracht ringsum auf sich wirken zu lassen, das besondere Blau der Bucht, dafür zahlt man gerne auch einmal einen überhöhten Preis. Man sitzt da, schaut, träumt vor sich hin, und möchte gar nicht mehr weggehen von diesem herrlichen Ort.

Ein roter Teppich führte hinauf zur Ortskirche Chiesa di San Martino. Sie wurde vermutlich im 12. Jahrhundert errichtet und ist in romanischem Stil gehalten. Geweiht ist sie dem Heiligen Martin von Tours. Der rote Teppich führte uns weiter hinauf und ermöglichte einen Rundgang mit herrlichem Blick auf üppige Bougainvilleas, bizarre Felsformationen und das azurblaue Meer. Und all überall lag in der Luft der Duft von Jasmin, Zitronen, Rosen und anderen Blüten und Früchten: ein Meer aus Blau, Violett, Gelb, Orange und Weiß. Sehenswert ist auch die romanische Chiesa di San Giorgio, ebenfalls vermutlich aus dem 12. Jahrhundert. Sie wurde nach ihrer kompletten Zerstörung im Zweiten Weltkrieg 1950 rekonstruiert. In der Kirche werden die Reliquien von Sankt Georg aufbewahrt. Auch von hier oben hat man einen sagenhaften Blick auf die Bucht, die Schiffe und auf die stürmischere Seite des Meeres außerhalb der Bucht. Der Anstieg zu dieser Chiesa ist vom historischen Ort oder vom Hafen aus möglich. In der Nähe des Aufstiegs findet man zwei Gedenktafeln, von der eine an den Aufenthalt von Petrarca, die andere an Guy de Maupassant und seine Begeisterung für diese Halbinsel erinnert. Doch sei nicht vergessen: Auch Santa Margherita Ligure ist mit seinen kleinen, feinen Lokalitäten sehenswert und immer angenehm für einen Zwischenstopp.

Am Abend fuhren wir noch einmal nach Camogli, diesem kleinen Fischerort, der in seiner Beschaulichkeit einen besonderen Zauber auf uns ausübte. Vom Parkplatz, oberhalb des Ortes, ging es über viele Stufen hinab zum Ort und zum Hafen, wo wir ein ortstypisches Fischerlokal suchten. Unsere Anstrengung wurde gleich zweifach belohnt. Erstens fanden wir ein ausgesprochen nettes Fischerlokal an einer Rondelle (delle Sorelle avello) und aßen hervorragenden frischen Fisch, zweitens hatten wir einen herrlichen Blick aufs Meer und wurden später am Abend von einem Wetterschauspiel über dem Meer überrascht, das selbst Turner begeistert hätte.

7. Juni

Weiterfahrt nach San Remo.

Fast auf den Tag genau sind wir im letzten Jahr in Bordighera gewesen (liegt etwa 10 Kilometer von San Remo entfernt). Wir sind seinerzeit nahezu täglich an der Villa vorbeigekommen, die Charles Garnier (Erbauer der Oper Garnier in Paris) um 1870 unter anderem hier gebaut hat in der Hoffnung, sein zweiter an Tuberkulose erkrankter Sohn könnte in dieser milden mediterranen Luft wieder genesen (einen Sohn hatte er bereits durch diese Krankheit verloren). Der Junge verbrachte bis zu seinem Tod mit siebzehn Jahren seine Zeit im Turmzimmer der Villa, die einen Blick über die gesamte Bucht ermöglichte und durch das immer ein lauer Wind wehte. In dieser Zeit fertigte der Sohn eine Art Weltkarte an, die außerordentlich präzise war, obwohl er niemals verreiste. Durch den Roman Il Dottor Antonio von Giovanni Ruffini, dessen Handlung in San Remo und Bordighera angesiedelt ist und der 1855 erstmals in Edinburgh erschien, wurde Bordighera in ganz England bekannt. Das löste eine Reisewelle nach Bordighera und San Remo aus. Selbst Königin Victoria von England hatte sich angesagt, musste aber des Burenkriegs wegen wieder absagen. Sie beabsichtigte im Hotel Angst abzusteigen, jenem Hotel, das der schweizerische Hotelier Adolf Angst errichtete. Es war zu seiner Zeit (Baubeginn 1887) bis Anfang der dreißiger Jahre ein besonders modernes Hotel mit Annehmlichkeiten wie fließendes warmes Wasser in allen Zimmern und elektrischem Licht. 100 Angestellte kümmerten sich um etwa 200 Gäste. Das Hotel Angst verfügte über eine mehrsprachige Bibliothek, einen Bridge Club (zeitweilig gab es in Bordighera mehr Engländer als Einheimische) und einen hauseigenen Friseur. Heute ist das Hotel ein gespenstisches Gerippe, umgeben von imposanten Jugendstilvillen. John von Düffel hat über das Hotel Angst eine wunderbare Erzählung geschrieben, und ein einheimischer Taxifahrer erklärte mir, zwar habe immer die Absicht bestanden, den Hotelkomplex in eine noble Wohnanlage umzugestalten, jedoch sei dies nie verwirklicht worden. Und so löst die von weitem sichtbare Inschrift Angst des Hotels heute leicht schauerliche Gedanken aus, aber die Bewohner von Bordighera scheinen sich an den trostlosen Anblick des Hotels gewöhnt zu haben.

Im letzten Jahr sind wir also von Bordighera aus mit dem Bus nach San Remo gefahren und haben in einer Bar am Corso Matteotti 3 einen Drink zu uns genommen. In diesem Jahr stellen wir fest, die Bar gehörte zu dem Hotel, in dem wir ein schönes Zimmer mit Blick auf den Corso hatten.

Von San Remo aus unternahmen wir mit dem Zug und dem Auto mehrere Tagesausflüge, unter anderem in die reizende Stadt Menton (Frankreich), ins Hinterland San Remos, ins bezaubernde Noli, aber auch eine Tour mit dem Rad nach Riva Ligure, einem kleinen verschlafenen Ort, an dem wir vor vielen Jahren als junge Eltern einen unvergesslichen Urlaub verbrachten. Die Fahrt verlief am Meer entlang und ist in jedem Fall empfehlenswert. Die Räder kann

man stundenweise in San Remo mieten (eine Station ist unterhalb des Casinos an der Uferpromenade).

Am Abend saßen wir an der Piazza Sardi, einem hübschen Platz, der mit Zitronen- und Orangenbäumen gesäumt ist, aßen sehr gut und lauschten der Stegreif-Musik, die hier allenthalben geboten wird. Später gingen wir zum Hafen, schauten aufs Wasser, in dem sich ein bleicher Mond spiegelte, und freuten uns wie die Menschen um uns herum über den wunderbaren Sommerabend.

Besuch in der Villa Nobel. Hier lebte Alfred Nobel bis er an einem Schlaganfall starb. Er erfand nicht nur das Dynamit, sondern eine Vielzahl anderer Stoffe und gründete erstaunlich viele Firmen, er muss ausgesprochen umtriebig gewesen sein, und doch war er meistens ein einsamer Mann, der am liebsten ein recht zurückgezogenes Leben lebte. Mit den Frauen tat er sich schwer, seine große Liebe und treueste Freundin war offenbar Bertha von Suttner, die ihn auch an pazifistische Ziele heranführte. Seine zweite Freundin, eine Floristin aus Wien, die er in Baden-Baden kennen lernte (da war er zweiundvierzig und sie zwanzig), blieb zwölf Jahre bei ihm, weil sie sich davon ein gutes Leben versprach. Als sie ein Kind von einem Offizier ein Kind erwartete, verließ sie Nobel (nach zwölf Jahren).

Sein Haus in San Remo nannte Nobel Nest, später Villa. Heute ist die Villa ein sehenswertes Museum, das Leben und Werk Alfred Nobels präsentiert, aber auch sein Sterbezimmer und eine Abschrift seines Testaments. Seine letzten Worte verstand niemand in San Remo, da er sie in Schwedisch sprach.

11. Juni

Wir lassen San Remo hinter uns, reisen durch den Col de Tende, die Seealpen mit herrlichem Panorama bis Limone Piemonte, eine Art Oberammergau Italiens ins Piemonte, wo wir eine kurze (wirklich sehr kurze) Pause einlegten., dann weiter über Cuneo nach Pollenzo (Polens auf Piemontesisch), einem Ortsteil von Bra in der Provinz Cuneo. Übrigens ist Cuneo ein hübsches, sehenswertes Städtchen, in dem zu diesem Zeitpunkt

gerade ein Theaterfestival stattfand. Überhaupt scheinen der Juni, der Juli und der August in Italien als Musik- und Theaterfestival-Monate außerordentlich beliebt zu sein. Und man sieht erstaunliche Aufführungen – selbst in den kleinsten Orten.

Nordwestlich des Dorfkerns von Pollenzo liegt die Albertina, ein Landgut aus dem 19. Jahrhundert, in neugotischen Formen errichtet, heute ein Hotel. Dazu gehört die Kirche San Vittore im gleichen Stil. Im einem weiteren Hof -Teil befindet sich die von Slow Food betriebene Università di Scienze Gastronomiche. Slow Food, diese Bewegung, wurde 1986 von dem Journalisten und Soziologen Carlo Petrini in der Stadt Bra mit dem Ziel entwickelt, die Esskultur zu erhalten und zu fördern. Seitdem fördert die inzwischen weltweite Non-Profit-Organisation eine verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, eine artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und das Bewahren einer regionalen Geschmacksvielfalt. Außerdem bringt die Vereinigung Produzenten, Händler und Verbraucher miteinander in Kontakt, vermittelt Wissen über die Qualität von Nahrungsmitteln und will so den Ernährungsmarkt transparenter machen.

Wir haben uns sagen lassen, dass es sich bei der Università di Scienze Gastronomiche. Slow Food um eine Privatuniversität handelt und die Gebühren für das Studium stattlich sein sollen. Ein beeindruckender Gebäudekomplex ist es allemal, und am Abend sitzt man angenehm in romantischer Umgebung. Natürlich bereitet auch das Hotel Slow food zu, ich muss sagen, wir haben es sehr genossen.

Von Bra aus starteten wir einen Tagesausflug mit dem Zug nach Turin. Wir waren überwältigt von der Pracht und dem Reichtum der Stadt. Es gibt zwei Innenstadt-Bahnhöfe (Torino-Susa und Porta Nuova). Von beiden Bahnhöfen ist es ungefähr gleich weit in die Innenstadt. Wir wählten Susa, gelangten durch die Via Gernaia ins Zentrum (man kann auch die Via Garibaldi nehmen), zur prachtvollen Piazza Castello. Die Prachtstraße schlechthin ist die Via Roma, alle führenden Labels sind hier vertreten. Sehr schön auch die vielen herrlichen Arkadengänge, von den prächtigen Bauten ganz zu schweigen. Der

Dom, das Turiner Grabtuch, der Palazzo Madama, etc. – wir schauten und staunten und staunten, ich vergaß dabei fast ein wenig die Hitze.

Nach langem Gehen und Schauen und Staunen setzten wir uns in ein kleines Caffé in der Via Garibaldi und erfuhren noch einmal, was es heißt, mit Genuss und Kultur zu essen. Noch nie zuvor habe ich derart appetitlich Tomaten und Mozzarella serviert bekommen: auf einem Tablett aus Schiefer, die Tomaten, der Mozzarella, hübsch angeordnet, dazu ein Schälchen Salz, ein Schälchen mit Kräutern und eines mit Olivenöl. Außerdem gab es frisch gebackenes (warmes) Fladenbrot in einer adretten Stoffserviette eingepackt und in einem Körbchen aufbewahrt.

Die Hitze in Turin war, was wir an diesem Tag noch nicht wussten, ein Vorgeschmack auf die Rückreise nach Hause, bei der uns die Klimaanlage ausfiel. Und das bei achtunddreißig Grad.

Und am Abend – vor dem Essen – ein Sprung ins den kühlen Pool am Hotel.

12. Juni

Wir haben auf dieser Fahrt erkennen müssen, wie schön das Piemonte ist und wie wenig wir bisher davon wussten. Wir haben nur ein paar Abstecher in die Berge unternommen, jedes Mal kamen wir beeindruckter zurück und bedauerten, so wenig Zeit für diese Gegend zu haben. Ein Städtchen, das es uns ganz besonders angetan hat, ist das Städtchen Alba. Wir parkten vor der Stadt auf einem zentralen Parkplatz und gingen die paar Meter bis zur Innenstadt zu Fuß. Es war gerade Markt, ein kleiner, feiner Markt mit den wunderbarsten Gerüchen von alledem, was das Piemonte zu bieten hat. Ein bekannter Schriftsteller dieser Stadt ist Beppe Fenoglio (* 1. März 1922 in Alba; † 18. Februar 1963 in Turin). Als sein Hauptwerk gilt sein Roman Johnny der Partisan, der 1968 erschien. Am Theater ist eine Erinnerungstafel, an der beschrieben wird, wie Johny in die Schule kommt und wie sehr er sich darüber freut. Gegenüber dem Dom ist eine Erinnerungssstele mit einer weiteren Passage aus dem Roman. Johny sitzt eines Nachts mit einem Partisan auf

einem Hügel, sie schauen auf die Stadt, ein bedeutender Augenblick, den Johny nie mehr vergisst, denn in dieser Nacht noch wird der Partisan getötet.

Alba ist eine Stadt der Trüffel und des Olivenöls, eine Stadt für Gourmets. Wir kaufen natürlich tüchtig ein. Die Verkäuferin in dem Laden, in dem wir einkaufen, hat in der Schule Deutsch gelernt. Sie sagt, sie hätte auch Japanisch, Chinesisch oder Französisch lernen können. Jetzt arbeitet sie erst einmal im Laden ihrer Eltern, dann sieht sie weiter. „Können Sie die Sprache regelmäßig anwenden?“, frage ich sie. „Ja, entgegnet sie. Bei all den Touristen, die täglich hierher kommen.“ wir reden ein bisschen in Deutsch und Italienisch, so sind beide Seiten zufriedengestellt.

Alba ist auch die Stadt der jungen Mode, und auch hier wird das Essen überall serviert, als habe man sich der Slow Food-Bewegung angeschlossen.

Wir sitzen in einer kleinen Bar, beobachten zwei Polizisten, die mit ihrem Auto angefahren kommen, etwa eine halbe Stunde im Schatten des Domes patrouillieren, als erwarteten sie hohen Besuch, dann wieder in ihr Auto steigen und davonfahren. Hatten sie nur für einen Film geprobt?

Das eigentliche Vergnügen einer Reise sei das Erstaunen bei der Rückkehr, habe ich in einem Buch von Joachim Fest (Im Gegenlicht. Eine italienische Reise) einen Gedanken von Stendhal zitiert gelesen. Das Staunen darüber, dass man dem, was man bei der Rückkehr antreffe, wieder einen höheren Wert beimesse. Das mag schon sein. Ich dagegen bin nach einer Reise – vor allem nach Italien – jedes Mal lange damit beschäftigt, mich wieder losreißen zu müssen von dem, was mir so sehr ans Herz gewachsen ist.

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