Bis in die tiefsten Tiefen


Bis in die tiefsten Tiefen

Rezension des Buches „Schreiben zur Selbsthilfe. Worte finden, Glück erleben, gesund sein“ von Birgit Schreiber

Springer-Verlag 2017. ISBN 978-3-662-53189-1

 

Im Zusammenhang mit der Arbeit an meinem Memoir habe ich Dr. Birgit Schreiber aus Bremen kennengelernt. Sie gehört zu dem Kreis von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, die sich mit Memoir und anderen autobiografischen Literaturformen beschäftigen. Unter anderem veranstalten sie Workshops in Wien. Judith Wolfsberger, Johanna Vedral, die ein Vorwort zu Schreibers Publikation verfasst hat, und eben Birgit Schreiber gehören hier zu den führenden Stimmen.

Wesentlich für den Ansatz dieser Autorinnen ist, dass die Dichotomie zwischen „literarischem“ und „therapeutischem“ Schreiben nicht existiert. Die heilende Wirkung schöpferischen Schreibens bei der Selbstreflexion, sogar bei der Bewältigung von Traumata wird deutlich hervorgehoben. Schreiben heißt hier also nicht, etwas von sich selbst Entferntes, Abstraktes zu produzieren, sondern es hat unmittelbar mit dem eigenen Inneren zu tun.

Dabei werden gleichzeitig mit dem Persönlichen auch übergreifende, universelle Themen erfasst. Das individuell Erlebte wirkt exemplarisch. Werden dann auch noch Lösungsansätze gezeigt, wird die eigene Vita zur literarischen Heldenreise. Dies gilt besonders für das Memoir, dem Birgit Schreiber ein eigenes Kapitel widmet. Es handelt sich hier um ein neuartiges Genre, das im anglo-amerikantischen Sprachraum schon etabliert ist, mit dem man im deutschen Sprachraum aber noch literarisches Neuland betritt.

 

Während ich – literaturwissenschaftlich „sozialisiert“ – immer wieder damit konfrontiert wurde, dass ein solch persönliches Verhältnis zum eigenen literarischen Schreiben unzulässig sei – stellt Birgit Schreiber (sie ist u.a. Biografieforscherin und Journalistin) das gar nicht zur Diskussion, sondern geht selbstverständlich davon aus, dass Schreiben eine heilende Wirkung für einen selber hat. Dabei wird nicht mit Psycho-Wehwehchen geplänkelt, sondern die Autorin geht mutig in die Tiefe. Sie erklärt, mit welchen Übungen man sich an die Bewältigung seiner Traumata heranwagen kann. Sie zeigt, wie Krebspatient*innen, die den nahen Tod vor den Augen haben, die Angst vor dem Sterben mildern, sich selbst näher kommen und trotz ihrer schweren Krankheit Lebensperspektiven entwickeln können.

 

Die Aufmachung des Buches hat mich etwas enttäuscht:  zu wenige Seiten, zu eng bedruckt, ungünstige Seitenaufteilung. Inhaltlich jedoch bietet die Autorin überzeugende Konzepte an, wie man die Selbsttherapie durch Schreiben schrittweise aufbauen kann, z.B. mit dem Bild eines „Schreibhauses“ mit mehreren Stockwerken folgend. Diese Modelle werden sehr bedacht erörtert und von allen Seiten reflektiert. Hier ist nichts leichtfertig oder oberflächlich hingeschrieben worden. Birgit Schreiber nimmt ihre Leser*innen verantwortungsvoll an die Hand. Das zeigen auch die sehr vielfältigen praktischen Schreibanregungen und aussagekräftigen Illustrationen. Leiter*innen von Schreibwerkstätten, für die das Buch hervorragend geeignet ist, müssen sich Arbeitsblätter mit den Materialien allerdings selbst erstellen, weil die optische Ausstattung des Buches nicht so bequem für die Anwender ist.

 

Was mir etwas gefehlt hat, ist der Umstand, dass die Autorin nicht deutlich zwischen Menschen, die nur für ihre persönliche Selbsthilfe und Menschen, die auch für ein Publikum schreiben, unterscheidet. Was mit einem passiert, wenn man die sensiblen privaten Inhalte einer größeren Öffentlichkeit zugänglich macht, ist nicht Thema des Buches. Genauso wenig die Frage nach dem literarischen Wert der Produktionen. Birgit Schreiber zieht zwar die Erfahrungen zahlreicher Persönlichkeiten heran, die als Schriftsteller*innen bekannt geworden sind, aber sie unterscheidet nicht zwischen den Erfahrungswerten öffentlicher und privater Schreibender.

 

Trotzdem ist das Buch sehr zu empfehlen! Zunächst für alle, die in ihrer Schreibwerkstatt als Leitung nicht nur an der Oberfläche schwimmen und auf dem Weg in die Tiefe gut begleitet und angeleitet sein wollen. Dann aber auch für die, die privat durch Schreiben mehr über sich selbst entdecken möchten. Last not least: Wer mehr über das Memoir erfahren möchte, findet alle Auskünfte in dem Kapitel „Neue Autobiografien schreiben“.

 

Informationen zu Dr. Birgit Schreiber sowie ihren Seminar- und Coachingangeboten unter: www.schreiben-zur-selbsthilfe.com

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