Beiträge von Johannes Chwalek


Der Händedruck des Kaisers

Der Händedruck des Kaisers   Alle nannten ihn noch den Kaiser, dabei lebte er als Exi­lant und Privatier in Holland, und in Deutschland war eine Republik. Die Republik verachtete er natürlich. Sie er­schien ihm als Werk einer Verschwörung aus Juden und verrä­terischen Militärs. Aber jeder konnte sehen, wohin der Zug der Zeit ohne ihn fuhr: […]


kleine ballade

kleine ballade   frühes alleinsein. der kassettenrecorder als gesellschafter,   das bett als tröster, der schlaf als mein fluchthelfer im leeren konvikt.   – fast leeren konvikt; wenige andre schüler waren auch noch da,   älter und jünger, doch keine spielgefährten, und der erzieher   hätte ohne uns frei gehabt; hastig teilte er das essen […]


ein aufschrei – umsonst

ein aufschrei – umsonst   gerettet zu sein der verratene, nun selbst vielfach gebunden   *   ein aufschrei – umsonst. ohne leichtigkeit. vermag nicht das einfachste   *   war einmal anders. noch sucht der blick. die stelle vom ich. dort. nur dort   *   abwerfen. lehren in alter zeit. dorthin geh grün, […]


Herbst

Herbst   Der Herbst ist da, wie jedes Jahr, und lässt die Blätter fallen; verlorner Traum, im Sommerglück, von Ewigkeit uns allen.   Oh Hass dem Lauf der Kettenbahn, entlang des Lebens Kreisen; ich möchte, wandellos beglückt, in alle Freiheit reisen!  


In eigener Sache

In eigener Sache   1 In einer Lebensbeschreibung des Wilhelm von Humboldt las ich, wie der alte Mann in Tegel an jedem Abend zu seinem Bedienten sagte:   „Nun wollen wir wieder ein Sonett schreiben!“   Den Tag mit schönen Tönen zu beschließen; den Klang der wohlgesetzten Worte noch im Ohr, den Schlaf zu finden, […]


kind im bürgerkrieg

kind im bürgerkrieg   kind im bürgerkrieg kein obst und gemüse grassuppe kochen   *   feuerpause. ein kind schnappt sich den ball. gegen die trümmer schießen   *   lernen? – sich ducken! ihre majestät, die angst! irreversibel   * schweige, verschweige. die ehrenwerten täter. unrecht gedeckelt        


Gert Ueding: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch

Gert Ueding: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch:  Rezension von Johannes Chwalek Gert Uedings Erinnerungsbuch an Ernst Bloch hat schon viele zustimmende Kritiken erfahren. Der Rezensent schließt sich diesen positiven Stimmen an, weil das Buch es vermag, Ernst Bloch „erstehen“ zu lassen, vor allem in der Tübinger Zeit vom Antritt der Gastprofessur 1961 […]


… war der heimatfilm

… war der heimatfilm   als hochwürden noch die orientierung gab im schwankenden sein   *   der herrgottswinkel das maß, die tracht, volksmusik himmel und berge   *   leben mit tieren in der landschaft als luxus war der heimatfilm   *   „einsam im alter, das ist unser aller los“ (wort im heimatfilm) […]


rettete mich einst

rettete mich einst   eine lehrerin botin der öffentlichkeit rettete mich einst   für ein, zwei tage vor der prügel, dem geschrei der frau des vaters   der vater sah weg und war immer weg: arbeit und wegsehnwollen   wenn die lehrerin nochmal geklingelt hätte um fürzusprechen –   aus ein, zwei tagen botin der […]


nachher nach hause

nachher nach hause   kind in der schule, geschrei noch in den ohren und türenschlagen;   spät-verstörter schlaf. die lehrer mit der kreide, verse und zahlen.   nachher nach hause, allein mit der schreierin, schlägerin. allein   bei allen kindern und lehrern an der tafel. nachher nach hause.


die berufung

die berufung   heller freude voll entlang städtischem alltag unsichtbar geschmückt   es sei denn du sähst den glanz in jungens gesicht gelingen-verliebt   dass ein füllhorn sich verschwenderisch ihm neige ruhig zu wählen   das ziel das ihn wählt geheimnisvoll verbündet zu glücklichem tanz  


Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 7

Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 7 Ich sah auf die Uhr: Mein Zug fuhr bald. Beschenkt mit dem Pfeifenetui, vor allem aber mit dem Typoskript stand ich zum Aufbruch bereit. Er gab mir die Hand, seine große, schwere Hand mit festem Druck und umarmte mich. Die Frage nach der Bibliothek im Internat lag […]


Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 6

Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 6 Das Haus war von ernüchternder Funktionalität. Ein aufgestellter Quader mit einem Flachdach! ging es mir durch den Kopf. Im Erdgeschoss wurde eine „Spielhölle“ betrieben. (Noch heute – vierzig Jahre später! – blinken dort die Automaten!) Ich öffnete die Haustür, erstieg die Treppen und drückte die Klingel mit […]


Angelika Rieber und Eberhard Laeuen: „Haltet mich in gutem Gedenken“. Rezension

Rezension Angelika Rieber und Eberhard Laeuen: „Haltet mich in gutem Gedenken“. Erinnerung an Oberurseler Opfer des Nationalsozialismus. Oberursel 2015 (Verlag Spurensuche, ISBN 978-3-00-050714-4), 121 S., zahlreiche Abbildungen.   Zwei Wege der Erinnerung sind in Oberursel beschritten worden, um der Opfer des Nationalsozialismus in der eigenen Stadt zu gedenken. Am Hospitalplatz steht ein Denkmal, das auf […]


Wie es bröckelt und schwindet, Erzählung Teil 5

Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 5   II Drei Jahre dauerte es, bis ich eine erneute Einladung des Präfekten erhielt – aber es war doch alles anders, als beim ersten Mal. Ich hätte enttäuscht sein und mir einreden können, dass ich mir alles verscherzt hätte durch meinen unbedachten nächtlichen Ausflug. Tatsächlich blieb ich […]


Rezension

Rezension Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Bielefeld 2015, 488 S.   Das in sieben Kapitel chronologisch gegliederte Buch referiert den bundesrepublikanischen Diskurs über die „Bewältigung“ der nationalsozialistischen Vergangenheit. Politische, wissenschaftliche, juristische, gesellschaftliche, künstlerische und mediale Aspekte werden […]


Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 4

Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 4   Am nächsten Morgen stand ich nach dem Wecken um 6.50 Uhr auf und wartete, ob mich jemand nach den gestrigen Ereignissen fragen würde, dass ich noch einmal aufgestanden und hinausgegangen und erst nach einiger Zeit wieder zurückgekehrt sei usw. Nichts dergleichen geschah! Ich ging in den […]


Wie es bröckelt und schwindet Erzählung, Teil 3

„Ja, das war ein Buch mit Heiligen-Geschichten.“ „Heiligen-Geschichten?“ fragte der Präfekt. „Heiligen-Geschichten aus der frühen Zeit des Christentums“, ergänzte ich, „sie sind alle getötet worden.“ „Aha, also Märtyrer-Geschichten. – Erzähle!“ „Was die einzelnen Geschichten betrifft… Richtig erinnern kann ich mich nur noch an eine einzige. Sie handelte von einer jungen Frau, ich glaube, einer Römerin. […]