Beiträge von Johannes Chwalek


Bericht des Amtmanns a.D., vierter und letzter Teil

Bericht des Amtmanns a.D., vierter und letzter Teil   Wenn ich heute darüber nachdenke, fallen mir nur wieder Fragen ein. Sie betreffen die Eltern, die nicht in der Lage waren, ihren Kindern adäquate Lebensumstände zu bieten. Bis heute hat sich daran nichts geändert, dass immer wieder ein, wenn auch glücklicherweise geringer Prozentsatz von Eltern versagt […]


Bericht des Amtmanns a.D., Teil 3

Bericht des Amtmanns a.D., Teil 3   Was ich im einen oder anderen Fall über die weiteren Schicksale der Fürsorgezöglinge zufällig erfahren konnte, bestärkt mich in der Auffassung, dass Gustav S. eine Ausnahme gewesen ist. Den meisten hat die Kraft gefehlt, um sich aus der Misere ihres Anfangs zu befreien. Ist ihnen daraus ein Vorwurf […]


Bericht des Amtmanns a.D., Teil 2

Bericht des Amtmanns a.D., Teil 2   Nun schaltete sich endlich Fräulein Zinnober ein und bewirkte dadurch, dass Frau S. zusammen mit Gustav zur Bürgermeisterei geladen wurde. Gustav wurde wegen des Gelddiebstahls eindringlich ermahnt, der Frau aber wurde die Misshandlung des Kindes durch Schlagen und Hunger vorgehalten und ihr eine Verwarnung erteilt. Seitdem sah sie […]


Bericht des Amtmanns a.D. Teil 1

Bericht des Amtmanns a.D.   Bestimmte Fälle sind mir noch gut im Gedächtnis. Von dreien will ich Ihnen erzählen, sie stammen aus der Zeit, als ich ein blutjunger Praktikant war. Heute bin ich das Gegenteil von blutjung, nämlich uralt. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Fälle noch einmal jemand interessieren würden; sie sind mittlerweile schon […]


Den Morgenhimmel sich erheben sehen

Den Morgenhimmel sich erheben sehen   Den Morgenhimmel sich erheben sehen Im Frühling, Sommer oder Herbst. Sitzen und den Schnee anschauen, wenn die Menschen zur Arbeit eilen. Sie tragen mit sich Geld und Ansehn, diese Dinge, die ein Leben füllen. Ich weiß, dass ich ohne Antwort bleibe. Mein Atem hebt und senkt die Brust.


Rezension: Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945.

Rezension Regine Heubaum und Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945. Begleitband zur Wanderausstellung. ISBN 978-3-8353-1713-0, 135 S., zahlreiche Abbildungen.   Der Begleitband zur Wanderausstellung ist zweigeteilt: Im Abschnitt „Ausstellung“ werden die Stationen dargelegt von der „Beginnenden Auflösung“ (der KZs Neuengamme und Mittelbau-Dora) über „Todesmärsche durch den Harz“ (bzw. […]


Überlebende berichten

Überlebende berichten Rezension   Reiner Engelmann: Wir haben das KZ überlebt. Zeitzeugen berichten. München 2015 (cbj, Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House, ISBN 978-3-570-17197-4), 253 S., zahlreiche Abbildungen.   Das Buch enthält zehn Biografien über Menschen, die dem Rassenwahn der Nazis ausgeliefert waren, aber nicht zu seinem Opfer wurden, sondern ihr Leben retten […]


Brot, Wein und Tabak

Brot, Wein und Tabak Notiz zu Heinrich Bölls hundertstem Geburtstag 2017   In meiner Jugend in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts besaß Heinrich Böll eine Autorität, die ich getrost als „ungeheuer“ bezeichnen würde. Seine Kurzgeschichten waren obligatorischer Bestandteil des Deutschunterrichts. Seine Romane „Und sagte kein einziges Wort“, „Ansichten eines Clowns“ und „Gruppenbild mit Dame“ […]


Wer einen Sinn hat

Wer einen Sinn hat (Mit Dank an Homer)   Wer einen Sinn hat Die Götter zu scheuen Gerecht wird er sein Gastfreundlich zugleich   Hoffen wird er Auf kühnen Mut Dass die Furcht ihm Aus den Gliedern kommt   Die rechte Eintracht Ihm gegeben sei Wie viel er begehrt In seinem Herzen


OHNE VOLLMACHT

OHNE VOLLMACHT Sünden zu vergeben Kranke zu heilen   Mit hilfloser Liebe   Nicht wissend meinen Auftrag   Zweifel im Gepäck  


Der Händedruck des Kaisers

Der Händedruck des Kaisers   Alle nannten ihn noch den Kaiser, dabei lebte er als Exi­lant und Privatier in Holland, und in Deutschland war eine Republik. Die Republik verachtete er natürlich. Sie er­schien ihm als Werk einer Verschwörung aus Juden und verrä­terischen Militärs. Aber jeder konnte sehen, wohin der Zug der Zeit ohne ihn fuhr: […]


kleine ballade

kleine ballade   frühes alleinsein. der kassettenrecorder als gesellschafter,   das bett als tröster, der schlaf als mein fluchthelfer im leeren konvikt.   – fast leeren konvikt; wenige andre schüler waren auch noch da,   älter und jünger, doch keine spielgefährten, und der erzieher   hätte ohne uns frei gehabt; hastig teilte er das essen […]


ein aufschrei – umsonst

ein aufschrei – umsonst   gerettet zu sein der verratene, nun selbst vielfach gebunden   *   ein aufschrei – umsonst. ohne leichtigkeit. vermag nicht das einfachste   *   war einmal anders. noch sucht der blick. die stelle vom ich. dort. nur dort   *   abwerfen. lehren in alter zeit. dorthin geh grün, […]


Herbst

Herbst   Der Herbst ist da, wie jedes Jahr, und lässt die Blätter fallen; verlorner Traum, im Sommerglück, von Ewigkeit uns allen.   Oh Hass dem Lauf der Kettenbahn, entlang des Lebens Kreisen; ich möchte, wandellos beglückt, in alle Freiheit reisen!  


In eigener Sache

In eigener Sache   1 In einer Lebensbeschreibung des Wilhelm von Humboldt las ich, wie der alte Mann in Tegel an jedem Abend zu seinem Bedienten sagte:   „Nun wollen wir wieder ein Sonett schreiben!“   Den Tag mit schönen Tönen zu beschließen; den Klang der wohlgesetzten Worte noch im Ohr, den Schlaf zu finden, […]


kind im bürgerkrieg

kind im bürgerkrieg   kind im bürgerkrieg kein obst und gemüse grassuppe kochen   *   feuerpause. ein kind schnappt sich den ball. gegen die trümmer schießen   *   lernen? – sich ducken! ihre majestät, die angst! irreversibel   * schweige, verschweige. die ehrenwerten täter. unrecht gedeckelt        


Gert Ueding: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch

Gert Ueding: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch:  Rezension von Johannes Chwalek Gert Uedings Erinnerungsbuch an Ernst Bloch hat schon viele zustimmende Kritiken erfahren. Der Rezensent schließt sich diesen positiven Stimmen an, weil das Buch es vermag, Ernst Bloch „erstehen“ zu lassen, vor allem in der Tübinger Zeit vom Antritt der Gastprofessur 1961 […]


… war der heimatfilm

… war der heimatfilm   als hochwürden noch die orientierung gab im schwankenden sein   *   der herrgottswinkel das maß, die tracht, volksmusik himmel und berge   *   leben mit tieren in der landschaft als luxus war der heimatfilm   *   „einsam im alter, das ist unser aller los“ (wort im heimatfilm) […]