SCHÖN UND SCHAUERVOLL


SCHÖN UND SCHAUERVOLL

Betrachtungen eines Autors

 

Wir leben  ̶  wer wollte daran zweifeln − in unheiliger Zeit. Die Erde ist uns näher als der Himmel. Das hat fraglos seine Vorteile: Herrschaften werden gewählt und abgewählt, Vorgänge sind transparent geworden, ein jeder ist von seinem Selbstwert überzeugt.

Nein, wir brauchen das erhaben Überirdische nicht mehr  ̶  und doch kann man als Autor die Wiederkehr des Heiligen beobachten. Wer je eine Lesung veranstaltet oder einen Stand auf einer Buchmesse gehabt hat, kann sich dieses Eindruckes nicht erwehren.

Wir erinnern uns: Rudolf Otto, der 1937 in Marburg verstorbene Theologe, hat in seinem mehrfach neu aufgelegten religionsphilosophischen Werk Das Heilige eine beeindruckende Erörterung der Kategorie des Numinosen, des ganz Anderen, eben: des Heiligen, unternommen.

Wie, überlegte der Professor, wirkt diese geheimnisvolle Macht auf uns? Seine Antwort: Das Heilige zieht uns an und ist uns doch weit überlegen, es fasziniert uns und lässt uns zugleich erschauern.

Und nun ist der Sprung von 1917, dem Jahr der Ersterscheinung des Buches, in unsere Gegenwart leicht. Denn genau diese beiden Reaktionen sind mit Lesungen und Buchmessen verbunden − nicht für Bestsellerautoren, versteht sich, sondern für mehr oder weniger bekannte Verfechter literarischen Schreibens. Man steht also als ein solcher Autor bei den ausgelegten Opera, betrachtet die Menschen, die am Büchertisch oder dem Messestand verweilen, und zeigt sich  ̶  das ist Pflicht − gesprächig. Lobende Worte fallen durchaus: „schön“, „interessant“, „ideenreich“, „originell“, „toll“ – selbst das Wort „zauberhaft“ drang schon schmeichelnd an mein Ohr. Ein bescheidener Autor muss dann schweigen. In stiller Brust hofft er gleichwohl, das eine oder andere Buch möge vielleicht käuflich erworben werden. Die großherzig Lobenden aber ziehen weiter, nicht ohne freundlichen Abschiedsgruß, dem oftmals ausweichende Äußerungen vorangehen, wie: „Ich schaue mich erst noch ein bisschen um“ oder „Ich denke noch einmal darüber nach“ oder „Ich komme später noch einmal vorbei“. Da haben wir es: das Heilige. Ein gedrucktes Buch ist heutigentags für Viele ein Gegenstand, der zwar zu bestricken vermag, aber auch abschreckt, der entzücken kann und dennoch Scheu einflößt. Ein Buch ist nah: Man betastet es und blättert gerne darin. Und es ist fern: Man legt es, von heiligem Schauer erfüllt, beiseite.

Der Autor denkt an die leere Kasse und packt, wenn die Zeit vorüber, die dargebotenen heiligen Gegenstände sorgsam in Kisten. Er weiß genau, wie schwer sie sein werden.

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