Die Flügel der Graugänse


 

Die Flügel der Graugänse

 

Eigentlich wollte ich ans Meer.
Nun stehe ich auf einer Herbstwiese. Ruhe und Wind wehen im sanften Nachmittagslicht. Ich bin ein Kind und mir wurde gesagt, dass sie kommen werden. Die Graugänse. Viele sollen auf dieser Wiese landen, um sich vom langen Flug auszuruhen. Warten. Ich warte. Es ist seltsam, auf etwas zu warten, von dem ich nur wage eine Ahnung habe, was es ist. Etwas unentschlossen stehe ich auf der Wiese und warte.
Und dann erkenne ich, wie sich der Himmel verändert. Dunkle ruhige Bewegungen ziehen auf und werden größer. Sie kommen. Sie kommen. Das Dunkle kommt näher. Sie kommen näher. Sie werden größer. Es werden mehr. Mehr und mehr. Es müssen viele tausend sein. Ich kann sie nicht zählen. Das Dunkel ist nicht so dunkel, es vermischt sich mit allem herum.
Wie können so viele Wesen zusammen so ruhig und ohne Kollisionen zusammen fliegen? Mit dem Wind im Gesicht höre ich die unzähligen Flügelschläge in der Luft. Ein phänomenales Geräusch. Ich kenne sonst nichts, was so klingt.
Anmutig lassen sich tausende von Graugänsen um mich auf dieser einen Herbstwiese nieder. Sie sind groß, halten ihre langen Hälse graziös. Und ihre Flügel haben eine ungeahnte Spannweite. Staunend fühle ich fast, dass sie mich verschluckt haben.
Sind sie alle zusammen eins oder ist jede für sich? Was hält sie zusammen? Es ist nicht auszumachen, aber doch zu fühlen.
Und ich? Ich fühle mich in diesem Moment kleiner den je, aber bestimmt nicht ängstlich. Eher im Gegenteil. Die Anmut der Graugänse hat sich verbreitet. Es macht mich froh, ein kleiner Teil in dieser Natur zu sein. Es ist schön zu spüren, dass es Vorgänge gibt, von denen ich keine Ahnung habe, sie niemals wissen werde, sie aber bestaunen kann.
Dann, als gäbe es ein Kommando, das ich nicht kenne, beginnen die Graugänse zu schnattern. Sie haben das Futter auf der Wiese entdeckt. Sie sind hungrig vom langen Flug. Es wird laut. Richtig laut, aber nicht schrill. Es wird so laut, dass ich schreien kann und mich selbst kaum höre. Eher von innen. Sie rufen, schnattern, aber sie zetern nicht. Es wird trotz der Lautstärke und der tausenden von Gänsen nicht unruhig. Sie picken, sie fressen, schlagen dabei gelegentlich mit den wunderschönen Flügeln. Ihre graubraunen Farben vermischen sich mit dem grünbraun der Wiese.
Und dann wird es wieder ruhig. Ganz ruhig. Die Graugänse ruhen nun aus. Alle sind auf dieser Wiese versammelt und sind ruhig. So ruhig.
Ich muss daran denken, wie sie es wohl geschafft haben, dass alle zusammen auf diese Wiese gekommen sind. Mir wird bewusst, dass sie noch eine weite Reise vor sich haben. Was werden diese Graugänse wohl alles erleben? Was können sie sehen?
Der Wind wird kälter in meinem Gesicht. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich nun schon auf dieser Wiese stehe und die Graugänse beobachte. Ihnen scheint nicht kalt zu sein, aber ich beginne zu frieren und laufe fröhlich weiter. Immer wieder habe ich das bemerkenswerte Geräusch der tausenden von Flügelschlägen der Graugänse im Ohr. Es wird mich künftig begleiten.
Eigentlich wollte ich ans Meer.