Beiträge von Johannes Chwalek


Fürsorgeerziehung 1934-1938

Johannes Chwalek   „um eine weitere Verwahrlosung zu verhindern“ Anordnungen zur Fürsorgeerziehung im Kreis Bergstraße in den Jahren 1934-1938   Teil 1   Vorbemerkung Eine Akte des Staatsarchivs Darmstadt[1] enthält die Namen von 23 Schülerinnen und Schülern und zwei Kleinkindern, die während der NS-Zeit in den dreißiger Jahren von den Amtsgerichten Bensheim und Lampertheim mehrheitlich […]


Kurzgedichte, VII

gestalt des freundes aus immer größrer ferne unbeschadet nah   *   auch standst du nur da, sprachlos in der sprache der zugehörigkeit   *   immer heiterer wurdest du, freund, im alter. vorbild bis zuletzt   *   am schluss ein lächeln du erschrickst, wohin dein freund sich zur reise schickt  


Freund

an den alten freund   vor vielen jahren ich war ein junger bursche sah ich meinen freund   viel älter als ich sich dem treppengeländer handlich anvertraun   seltsamer moment dem jungen burschen mit den sicheren schritten   dem die erinnrung endlich auch den handschlag gibt an den alten freund


Kurzgedichte, VI

die siebzig im blick, fühlte er sich wie immer; nur die zahl war da   *   alte männer schaun durch den zaun zur baustelle, wo etwas geschieht   *   bescheidnes alter. in zwei jahren noch puste haben, wär schon was


schauspielerin

schauspielerin   …war sie eher brav, ordentlich; liebte exzess – das war dieser mann   bis es zuviel war. nicht materialistisch, nicht weltverhaftet   wollt’ sie sein, werden… leben, weil es muss; ruhe wäre doch besser   ausruhn vom leben, die toten in den gräbern sind zu beneiden   woher die qual? noch immer geliebt […]


Kurzgedichte, V

Kurzgedichte, V     die worte fehlten dem wortreich verwunschenen wortverbotenem   *   gesetz des dschungels hinter verschlossnen türen schreisichren mauern   *   das kind ist machtlos nur leiden kann es und sich hernach verdrehen   *   quengelndes mädchen von der mutter geschüttelt ein knacken. schweigen    


Franziska Kessel

„Vorläufig bin ich noch in Einzelhaft“ – Franziska Kessel (1906-1934) Teil 4     Eines der ersten Vernehmungsprotokolle Franziska Kessels im Hessischen Landgerichtsgefängnis Mainz hat sich erhalten; es datiert vom 28. November 1933: „Kessel erklärte: In Bad Nauheim suchte ich einen gewissen Otto auf und händigte ihm ein Paar(!) Flugschriften zum Verteilen aus. Von Matrizen […]


Franziska Kessel

„Vorläufig bin ich noch in Einzelhaft“ – Franziska Kessel (1906-1934) Teil 3   Von der Verhaftung am 4.4.1933 bis zum Urteil des OLG Darmstadt über drei Jahre Zuchthausstrafe am 17.11.1933 vergingen mehr als fünf Monate, aber Franziska Kessel erhielt nur drei Monate Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet. „Die bürgerlichen Ehrenrechte werden der Angeklagten auf die […]


Franziska Kessel

„Vorläufig bin ich noch in Einzelhaft“ – Franziska Kessel (1906-1934) Teil 2   Rauschhafte politische Aktivität   „Die wenigen Jahre der Freiheit“ zwischen ihren beiden Haftstrafen (von der Entlassung aus der Festungshaft Frankfurt-Preungesheim am 10. Juli 1931 bis zur erneuten Verhaftung am Ludwigsbrunnen in Bad Nauheim am 4. April 1933) seien für Franziska Kessel zu […]


Kurzgedichte IV

Kurzgedichte, IV     ein schöner körper gesundheit inklusive noch im wunderland   *   haare streichen aus dem gesicht – eine geste mit wahrheitsgehalt   *   raubvogelschatten im spiegel des sees – sieh doch! vielleicht ein habicht   *   frühjahrs staunte er stets erneuerten formen der künstlerin nach


Wurzelsuche

wurzelsuche   meine landsleute packen gerne die koffer bis ins fernste land   ich wandre lieber im taunus und spessart und in der bergstraße   diese gegenden voll endloser wege für die wurzelsuche  


Werkstattbericht

Sieben Aufsätze plus zwei Werkstattbericht, fragmentarisch   *   Als Junge von elf Jahren schrieb ich Tiergeschichten auf einzelne Blätter, klebte sie zusammen und verwahrte sie in einer grünen Mappe. Die Mappe legte ich in das einzige abschließbare Fach, das mir als Schüler eines Internates zur Verfügung stand. Das abschließbare Fach befand sich als eines […]


Kurzgedichte III

Kurzgedichte, III     gegen die gottheit kairós gefrevelt – immer erinnyen am hals   *   die poetische, andere verhältnisse spiegelnde sprache   *   die läute-buben teilten an glockenseilen zeit und zeitlichkeit   *   verweht die gier nach. allumfassende rückkehr. liegend. es geschieht  


Kurzgedichte, II

lass den zweifel nicht die oberflächenspannung des wassers brechen!   *   substanzialität. die philosophen reichten sie den physikern   *   die zweckursache. der naturwissenschaftler zieht die braue hoch   *   naturwissenschaft. die welt am gängelband der unentrinnbarkeit


mein großvater

mein großvater   als sein mädchen starb, war es aus mit ihm, er war ein gebrochner mann.   sah aus dem fenster, rauchte zigaretten, schlief bei tag, sprach nicht viel.   zwölf jahre gingen so dahin; so lang sah ich ihn – langsam sterben.   als der pfarrer kam mit der bibel in der hand, […]


Franziska Kessel (1906-1934) / „Mainzer Geschichtsblätter“, Heft 15, 2014

Johannes Chwalek   „Vorläufig bin ich noch in Einzelhaft“ – Franziska Kessel (1906-1934)            Portrait Franziska Kessels (Mit freundlicher Genehmigung von Thilo Weckmüller und Mathias Meyers)   Gedenken an eine Widerstandskämpferin   Vor dem Reichstag in Berlin stehen 96 Gedenktafeln mit Namen ehemaliger Abgeordneter, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Eine Tafel erinnert an […]


Weihnachtsferien

Johannes Chwalek Weihnachtsferien Novelle   *   Den Abreisetag in die Weihnachtsferien versuchte ich unauffällig zu überstehen. Ich ging hier- und dorthin; es sah so aus, als ob ich auch abreisen würde – bis mir einfiel, dass der Werkraum auf mich wartete und das frühere unschlüssige Leben ein Ende hatte. Rainer I. zog seinen Erzieher-Schlüssel […]


Kurzgedichte

immer zwei stufen im vollen lauf und zauber jugendlicher kraft   *   einherstolzieren. ein freches Wort hinwerfen. erwachsen werden   *   haare, lang, wehend – dieser wunderlichste stoff an einem menschen[1]   *   jugendzeit: amsel sang in warmer dämmerung, und du lächeltest     [1] Mit Dank an Max Frisch (1911-1991).