Beiträge von Thomas Berger


DER SPRUNG

  DER SPRUNG   Elisabeth Hellering war dreiundzwanzig Jahre alt, als sie, durch einen unvorhersehbaren Umstand bewogen, ohne jegliches Zögern sprang. Wer die junge Frau kannte, weiß, dass sie keineswegs ein Mensch war, dem es schwerfiel, Entscheidungen zu treffen. Sie hatte zielstrebig frühe Hürden, die durch mehrere Umzüge und dadurch bedingte Schulwechsel hoch waren, genommen. […]


Vom Glück des Lesens 1

  Vom Glück des Lesens … Woher kommt eigentlich das Wort lesen, was drückt sich darin aus? Ursprünglich bedeutet lesen„verstreut Umherliegendes aufnehmen und zusammentragen, sammeln“. Diese Bedeutung schwingt noch mit in Wörtern wie Weinleseoder Ährenlese. Wenn wir lesen, lesen wir auf, was Menschen vor uns entwickelt haben; wir erlesen uns die Welt. Bücher sind in […]


Im alten Birnbaum 1

  Im alten Birnbaum verborgen ein Starennest – hungrige Schnäbel.   Schlüpf unter das Laub, emsiger Goldlaufkäfer – eine Maus wartet.   In deinen Händen sitzt mit pochendem Herzen die junge Feldmaus.   Schrecken am Morgen: ein quiekendes Eichhörnchen im Maul der Katze.     Du lebst gefährlich zwischen den Pferdehufen, stahlblauer Käfer.   Ein […]


ÜBERMACHT 1

ÜBERMACHT zieht alle in Bann Jung und Alt Arm und Reich Redliche und Missetäter Freidenker und Ideologen Übersteigt Walten von Göttern Gewährt Teilhabe errichtet Grenzen Schenkt sorglose Nächte stiftet Verzweiflung Geleitet zum Luxus zerstört Leben Mammon


AM TEICH 2

  AM TEICH Wann würde der Regen aufhören? Die Greisin stand am Fenster ihres kleinen, mit den Jahren schadhaft gewordenen Hauses und blickte missgelaunt in das Novembergrau, das die kahlen Obstbäume des Gartens umhüllte. Seit dem Morgen des schier endlosen Sonntags regnete es. Ein kalter Wind wirbelte Laub auf. Die Frau hatte den gewohnten Kirchgang […]


IM WIDERSTREIT 1

IM WIDERSTREIT   Es stellen sich an manchen Tagen mir mutmaßlich verrückte Fragen   Was mag ein kleiner Wurm wohl denken will ihn ein Angelfreund versenken   Und was im Wald die harmlos Schleiche bei phobisch Zittern und Gekreische   Was geht beim Flattern durch Huhnes Kopf das bald erwartet ein kochend Topf   Was […]


Aphorismen 2

  Aphorismen Wer beim Grünlicht der Ampel über die Straße geht und überfahren wird, kann beruhigt tot sein – er war im Recht. Eremiten und Verliebte besitzen die Gabe, im Schweigen zu sprechen. Gewohnheiten nach geraumer Weile als zu eng gewordenes Häutungskleid abzustreifen, ist, auch wenn damit Beschwerden einhergehen, im Grunde ein Genuss, nämlich ein […]


EIN FEIERABEND 2

EIN FEIERABEND   Zwischen Niederbirkenfeld, einer beschaulichen Kleinstadt am Rande des Gelbhaargebirges, und meinem Wohnort Mackenrode beträgt die Entfernung fünf, genauer: fünf Komma sechs Kilometer. Die Angabe verdankt sich dem Tachometer an meinem Fahrrad, der verlässlich Auskunft gibt. Gibt? Eigentlich müsste ich sagen: gab. Andererseits … Doch ich will der Reihe nach erzählen. Bis zum […]


APHORISMEN 1

APHORISMEN   Stille und Schweigen sind der Nährboden nützlicher Worte.   Für jemanden die Hand ins Feuer zu legen ist riskant – es für sich selbst zu tun, wäre grob fahrlässig.   Wer auf einem hohen Ross sitzt, ist nicht zwingend ein guter Reiter.   Gespräche, die allein von Worten leben, hinterlassen keine Spuren.   […]


ZEITGEFÜHL 1

ZEITGEFÜHL   Sprühregen aus trübem Himmel   Oben am Waldrand ein Einspänner ohne Hast   Niemand begegnet mir   Nur ein knorriger Birnbaum grüßt still   Weither Glockenschlag   Ich bin angelangt unversehens in einem anderen Jahrhundert


AM FENSTER 2

AM FENSTER Das Haus war von luxuriöser Größe, so dass die beiden sich erst zurechtfinden mussten und zuweilen der Mann die Frau oder die Frau den Mann regelrecht suchten. Sowohl diese geräumige Beschaffenheit als auch die komfortable Einrichtung leisteten ihren Beitrag zum erhofften Abstand von Arbeit und Pflicht, alltäglichen Erfordernissen und dem gewohnten Tagesrhythmus. Die […]


SCHÖN UND SCHAUERVOLL 1

SCHÖN UND SCHAUERVOLL Betrachtungen eines Autors   Wir leben  ̶  wer wollte daran zweifeln − in unheiliger Zeit. Die Erde ist uns näher als der Himmel. Das hat fraglos seine Vorteile: Herrschaften werden gewählt und abgewählt, Vorgänge sind transparent geworden, ein jeder ist von seinem Selbstwert überzeugt. Nein, wir brauchen das erhaben Überirdische nicht mehr […]


DER LETZTE BRIEF 2

DER LETZTE BRIEF   Als Lina ihn zum ersten Mal verließ, kannten sie sich erst kurze Zeit. Die Monate, die sie mit Thorwald erlebt hatte, erschienen ihr trotz mancher Bedenken wegen des erheblichen Altersunterschiedes wie ein schöner Traum, aus dem sie keineswegs erwachen wollte. Und doch musste sie ihm, auch wenn es ihrem Naturell zuwiderlief, […]


ARGONAUTEN 1

ARGONAUTEN   Lange rudern wir schon scheuen die Mühen nicht zu erringen das Goldene Vlies   Manchmal dünkt uns wir seien am Ziel denn wir halten in Händen das glänzende Fell   Doch entgleitet es rasch wie Schönheit die betört und alsbald verweht   Unbeirrt rudern wir weiter dann ersehnen ein Vlies das immer uns […]


Sehnlich 1

Sehnlich Komm in den Schatten   Sprich leise zu mir   mit Worten dem Schweigen vermählt   Horch auf den Wind im Bambushain   Laß mich deine Seele berührn


IM ZAUBERGARTEN 1

IM ZAUBERGARTEN Eine Parabel   Vor langer Zeit lebten im Osten eines fernen Landes zwei Knaben, welche die Hausväter Robustos und Parvulus getauft hatten. Viele Leute schüttelten damals den Kopf, wenn sie die seltsamen Namen hörten. Die Verständigeren freilich, welche wussten, dass das Schicksal die Namensgebung lenkt, nahmen sie als Zeichen für die Entwicklung der […]