Aphrodite – die warme Haut des Marmors (Gerd Börner): Rezension


 

 

Aphrodite –

die warme Haut

des Marmors (Gerd Börner)

 

Ein Dreizeiler, also wenige Worte nur, und doch mehreres, das Aufmerksamkeit hervorruft. Von einer olympischen Göttin ist die Rede – und das im 21. Jahrhundert! Von einer sympathischen Macht zudem: Aphrodite, die nach den Vorstellungen der Antike ihre schützende Hand über die Liebenden, besonders über die Hochzeitsnacht, hält, die sowohl für verführerischen Liebreiz als auch für Fortpflanzung steht. Weil die Griechen die Zeugung von Nachkommen in Verbindung mit der Fruchtbarkeit der Erde sahen, galt ihnen Aphrodite allgemein als Göttin der Vegetation, des blühenden Lebens.

So schwungvoll, so assoziationsreich ist bereits das erste Wort des Haiku. Und in der zweiten Zeile geht es gleich gewinnend weiter: warme Haut – ein wohliges Gefühl stellt sich beim Lesen ein. Langsam, also genussvoll lesend, stellt sich die Frage, wie das zusammenhängen mag: erst die uralte Göttin, jetzt die Wärme von Haut. Ach ja, natürlich: das pulsierende Geschehen zwischen Menschen und in der Natur im weitesten Sinne, über das Aphrodite wacht.

Aber nun Zeile drei: Von Marmor spricht sie, von kristallinem Gestein. Das ist ein überraschender Kontrast: die warme Haut des Marmors. Wieder bezieht das Kurzgedicht die Leser mit ein, lädt zum Spiel der Phantasie. Welcher Marmor? Vielleicht eine Skulptur, die Aphrodite darstellt? Wo wäre diese zu finden: in Griechenland, im Louvre oder in einem deutschen Museum? Ferner: Wodurch ist das Gestein warm geworden – durch Sonnenstrahlen, durch Berührung, durch Museumsluft? Schließlich die Haut des Marmors: Besitzt Marmor eine Haut? Das finde ich wunderbar: Der Gegensatz beinhaltet zugleich ein harmonisches Beieinander von Unbelebtem und Belebtem, von Carbonatgestein und Empfindung.

In alledem atmet dieses Haiku die Freiheit der Dichtung, die Lust an der Kreativität.

Thomas Berger