Bericht des Praktikanten


Johannes Chwalek

Bericht des Praktikanten

Tagebuchaufzeichnungen, 1

 

*

 

Montag, 21. Juni 1948, zwanzig Uhr

Mein Praktikum hat begonnen. Unsicher bin ich am Morgen aufs Amt gegangen. Vor zwei Jahren, als ich das erste Praktikum im Rahmen meiner Ausbildung zum Verwaltungsfachmann abgeleistet hatte, fühlte ich mich als fünftes Rad am Wagen. Heute ist es anders gewesen. Der Landrat zeigte sich freundlich. Keine Herablassung dem Praktikanten gegenüber, kein offener oder versteckter Verdruss, dass meine Anwesenheit Mehrarbeit bedeutet. Auch den Mitgliedern seines Teams stand ein ehrliches Lächeln ins Gesicht geschrieben. Hoffentlich bleibt es so.

„Neues Geld, neuer Praktikant – eine doppelte Verheißung!“, begrüßte mich der Landrat in Anspielung auf die Währungsreform von der Reichsmark zur Deutschen Mark, welche sich heute höchst gegenwärtig und doch schon geschichtsträchtig ereignet.

„Tja“, meinte der Landrat, „Sie finden mich und meinen Mitarbeiter Paul S. im Aufbruch begriffen. Begleiten Sie uns im Auto zum Kreis Ziegenhain?“

„Gerne“, antwortete ich, „darf ich fragen, worum es bei der Fahrt geht?“

„Natürlich! Meinem Büro liegen Beschwerden vor, dass die Brotversorgung im Kreis gestört ist“, erklärte der Landrat. „Offenbar kriegen die Bäckereien von den umliegenden Mühlen zu wenig Mehl geliefert. Da müssen wir schauen, woran das liegt und ob wir etwas ändern können.“

„Aha“, entgegnete ich und fügte hinzu: „Ich bin bereit.“

Der Landrat nickte mir zu und fragte mit Blick auf mich und Paul S.:

„Gehen wir zum Wagen?“

„Ja, Herr Landrat!“, antwortete Paul S.

Wir verließen das Büro des Landrats, das sich im ersten Obergeschoss des Amtsgebäudes befindet, liefen das Treppenhaus hinunter und gingen zum Parkplatz, wo wir ein bequemes Auto bestiegen. Paul S. setzte sich ans Steuer, auf dem Beifahrersitz nahm der Landrat Platz. Ich saß auf dem Rücksitz hinter Paul S. Meine Vermutung, es könne sich bei ihm um den Fahrer des Landrats handeln, zerstreute sich, als er zu seinem Chef sagte:

„Die Mühlen Lange, Romershausen, Buck und Wagner haben von Ziegenhain Getreidezuweisungen erhalten, sind aber anscheinend nicht in der Lage, alle Bäckereien rechtzeitig mit Mehl zu beliefern.“

„Ja, so sieht es aus“, entgegnete der Landrat. „Kommen Sie mit dem Mahlen nicht hinterher? Was meinen Sie?“

„Vielleicht wäre es angebracht, mehreren Mühlen Getreidezuweisungen zu geben, damit die Mehlversorgung des Kreises nicht nur auf den wenigen Mühlen lastet.“

„Also sie kommen nicht hinterher … ‚Mehreren Mühlen‘ – das klingt nachvollziehbar“, äußerte sich der Landrat. „Zu welchem Müller fahren wir doch gleich?“

„Wir haben Müller Wagner für Ihre Ausfahrt festgelegt“, antwortete Paul S. Es kam mir so vor, als ob Verwunderung über die Frage des Landrats in seiner Stimme mitschwang.

„Ja, stimmt, Müller Wagner“, griff sich der Landrat an den Kopf.

„Ich schätze, in zwanzig Minuten sind wir vor Ort“, schob Paul S. hinterher. Wollte er mit seiner Bemerkung von der kleinen Peinlichkeit ablenken, dass der Landrat nicht mehr gewusst hatte, welcher Müller in der Angelegenheit unzureichender Mehllieferungen befragt werden sollte?

Der Landrat nickte.

Eine kleine Pause trat ein, in der wir schwiegen. Anschließend fragte mich der Landrat, ob dies mein zweites Praktikum sei, was ich bejahte. Dann wollte er wissen, wo ich vorher gewesen sei. Ich überlegte schon, was ich antworten sollte auf die Frage, wie es mir im ersten Praktikum gefallen habe, aber der Landrat räusperte sich und fragte stattdessen:

„Haben Sie ein Hobby?“

Die Frage überraschte mich. Aber auch sie brachte mich in einige Verlegenheit. Sollte ich mich zu meinem Hobby Tagebuchschreiben bekennen? (In Wahrheit ist es mehr als ein Hobby. Fast schon eine Passion. Mehrere Bände Tagebücher habe ich bereits geschrieben seit nunmehr drei Jahren.) Würde ich mit meinem Bekenntnis nicht eine ungünstige Stimmung gegen mich provozieren? Ein Mann, der Tagebuch schreibt – auch in unserer Zeit wird dies von vielen noch immer als unangemessen betrachtet. (Ich weiß, wovon ich rede!) Außerdem könnte sich der Landrat, Paul S. und das gesamte Team unwohl fühlen bei dem Gedanken, in meinem Tagebuch verewigt zu werden, ohne zu wissen auf welche Weise.

„Ich lese gern“, antwortete ich ausweichend und wollte schon hinzufügen: „ab und zu schreibe ich auch ein bisschen“, aber der Landrat stellte schon die nächste Frage:

„Sachbücher oder Belletristik?“

„Beides. Im Bereich der Sachbücher lese ich Geschichtsbücher.“

„Ja, Geschichte!“, meinte der Landrat. „Nach dem Abitur habe ich damit gespielt, Geschichte zu studieren. Dann ist es doch Jura geworden. – Aber schön, dass Sie sich so sinnvoll in Ihrer Freizeit beschäftigen.“

Ich erwog für mich, ob es statthaft wäre, den Landrat nach seinem Hobby zu fragen, wollte dies aber doch nicht rundheraus tun, sondern wählte die Formulierung. „Dann bildet Geschichte vielleicht einen Teil Ihrer Freizeitbeschäftigung?“

„Manchmal durchaus noch – ja! Aber hauptsächlich bewege ich Schachfiguren in meiner knapp bemessenen Freizeit.“

„Oh, als aktiver Spieler?“

„Weniger. Ab und zu spiele ich noch eine Partie, aber hauptsächlich spiele ich Partien nach, betreibe Eröffnungsstudien und übe mich im Problemschach. Das ist für mich die perfekte Entspannung.“

„Das kann ich gut verstehen“, entgegnete ich.

„Spielen Sie auch Schach?“, fragte der Landrat.

„Ein paar Jahre habe ich in meiner Heimatstadt F. Vereinsschach gespielt, aber mittlerweile hole ich nur noch hin und wieder meine Schachbücher hervor und löse Mattaufgaben.“

„Na, immerhin! Das ist ja interessant! – Mattaufgaben; in wieviel Zügen?“

„Zwei-, höchstens Dreizüger.“

„Welchen Lieblingszug hatten Sie denn als Vereinsspieler auf 1.e4?“

„c6, Caro-Kann“, antwortete ich.

„Caro-Kann“, nickte der Landrat, „das habe ich noch nicht gespielt; auf 1.e4 antworte ich mit Sizilianisch oder Französisch.“

„Oh, Schachspieler unter sich“, lachte Paul S., „Caro-Kann, Französisch, Sizilianisch – ich verstehe kein Wort!“

„Müssen Sie auch nicht, mein lieber S.“, meinte der Landrat, „bleiben Sie ruhig bei Ihren wundervollen Linolschnitten!“

Zu mir gewandt, fügte der Landrat hinzu:

„Er ist nämlich nicht nur ein begabter Verwaltungsfachmann, sondern auch ein verkappter Künstler. Hier im Landratsamt, in der hiesigen Stadtbibliothek und in der Sparkasse sind seine Werke schon ausgestellt gewesen.“

„Das klingt interessant“, äußerte ich mich. „Darf ich nach Ihren Motiven bei den Linolschnitten fragen?“

„Viele Arbeiten behandeln Augenblicke in der Vergangenheit, die mir wieder eingefallen sind – manchmal nach vielen Jahren. Aber auch Wunschvorstellungen greife ich auf.“

„Oh, ich freue mich, wenn sich einmal die Gelegenheit ergibt, Ihre Linolschnitte zu sehen“, sagte ich ehrlich.

Augenblicke in der Vergangenheit, Wunschvorstellungen – manchmal kritzle ich Bildchen an den Rand meiner Tagebücher. Die Bildchen stehen teilweise in Verbindung mit den Aufzeichnungen, die ich gerade notiere, aber keineswegs immer. Es sind auch Bildchen dabei, die Augenblicke von früher zeigen – aus irgendeinem Grund steigen sie mir ins Bewusstsein. Die Bildchen wirken durch meine unbeholfenen Striche. Meine vergleichsweise größere Sprachfertigkeit könnte ihnen nicht gleichkommen, geschweige denn sie übertreffen.

Wir näherten uns dem Ziel. Als Paul S. den Wagen am Straßenrand parkte, sagte der Landrat:

„Ich lasse Sie vorgehen und ein paar Worte sagen, wenn Sie einverstanden sind, mein lieber S., den Rest übernehme ich dann.“

„Selbstverständlich, Herr Landrat“, entgegnete Paul S.

„Und Sie begleiten uns einfach, Herr C., Herr S. wird Sie als unseren Praktikanten vorstellen“, ergänzte der Landrat.

„Ja“, entgegnete ich.

 

Fortsetzung folgt