Dich erwähl‘ ich zum Lehrer, zum Freund. Dein lebendiges Bilden
Lehrt mich, dein lehrendes Wort rühret lebendig mein Herz.
Tabulae Votivae von Schiller und Goethe
NEUES DENKMAL DER FREUNDSCHAFT
Johannes Chwalek, Philosophiestunde. Erzählung
Scholastika Verlag Stuttgart 2025, 156 Seiten
Wer die regionalgeschichtlichen und belletristischen Veröffentlichungen des Schriftstellers und ehemaligen Gymnasiallehrers Johannes Chwalek, MA, aus Mainz-Kostheim kennt, ist bereits vertraut mit dem äußeren Rahmen, in welchem seine jüngste Geschichte spielt. Wir begegnen erneut dem Bischöflichen Konvikt im südhessischen Bensheim: Foyer, Studiersaal, Kapelle, Speisesaal, Bibliothek, Schlafsaal, Freigelände mit Sandplatz und Fischbassin; und dem Personal: Rektor Otto L., Internatsleiter, und Präfekt, von den Zöglingen Prä genannt, langjähriger Spiritus rector, in der Hierarchie dem Rektor untergeordnet.
Der Titel der Publikation verweist auf die abendlichen philosophischen Gespräche, an denen unter der Leitung des Rektors nur die beiden Schüler Thomas G. und Jeannot teilnehmen. Besprochen werden Aspekte der Lehren von Platon, Aristoteles, Epikur und der Stoiker. Außerhalb der Diskussionsrunden gibt der Prä – einfühlsam, freundlich und vollendet in seinen Formulierungen – den beiden nützliche Winke. Später übernimmt er auf Wunsch der Schüler die Leitung der Philosophiestunden und spricht mit ihnen über das sogenannte Mittelalter und den englischen Philosophen Hobbes. Jeannot fungiert als Ich-Erzähler – wie schon in Johannes Chwaleks 2019 erschienenem Roman Gespräche am Teetisch, edition federleicht; er tritt auch in der mit dem Roman erzählerisch verbundenen, 2021 im Scholastika Verlag veröffentlichten Erzählung Die Biertischgarnitur. Eine Erbengeschichte auf; sie ist Teil des Sammelbandes Skizzen eines Schachspielers. Erzählungen.
Beide Pole – das Konvikt und die Philosophie – bilden zentrale Elemente im Leben des Verfassers; Philosophiestunde ist also ein sehr persönliches Werk. Johannes Chwalek war sechs Jahre lang selbst Schüler des Bensheimer Konviktes; in dieser Zeit wurde der 1985 verstorbene Präfekt Siegfried Schramm seine wichtigste Stütze; er war sein geistiger Förderer und Freund über die Schulzeit hinaus – eine existentielle Erfahrung für einen Menschen, der im Elternhaus vor allem Lieblosigkeit, Ablehnung, Desinteresse und Aggression erlebt hat; das erklärt, weshalb sich der Autor bis in die Gegenwart hinein unter vielfältigen Aspekten intensiv mit dem Konvikt und dessen Entwicklung auseinandersetzt und nicht nachlässt, Zeugnis der Freundschaft abzulegen. In der Neuerscheinung ist zu lesen:
Das Internat war mein Glück, nicht nur weil ich den familiären Verhältnissen wenigstens für die Schulwochen, also während der meisten Zeit des Jahres entrückt war und zum ersten Mal Struktur und Angemessenheit für ein Kind meines Alters erfuhr, sondern vor allem auch wegen des Präfekten, der zu meinem Mentor wurde.
Der zweite Pol, die Philosophie, war eines der drei Unterrichtsfächer von Johannes Chwalek; er veröffentlichte mehrere Modelle für das Schulfach in der Westermann Gruppe, einem der großen Anbieter für Bildungsmedien.
Philosophiestunde bietet auch einen historisch fundierten Überblick über die verschiedenen Stadien der Entwicklung des Konviktes von der Gründung bis zur Schließung.
Im Epilog des Bandes wechselt die Zeitebene, zunächst in das Jahr 2025, dann in das Jahr 2000. Berichtet wird über eine Begegnung des pensionierten Ich-Erzählers mit Hannelore S., der Halbschwester von Otto L.; dabei kommen Charakterzüge, Verhaltensweisen und Lebensstationen des 1999 gestorbenen Halbbruders ans Tageslicht. Beim zweiten Zeitenwechsel kommt ein besonderer Kultzur Sprache, den der Verfasser bei seiner Erinnerung an den Prä pflegt:
Für jeden Tag des Monats habe ich ein Erlebnis mit ihm notiert und in einer kolorierten Zeichnung festgehalten. Alle Zeichnungen sind gerahmt und stehen in einem Schrank. Die aktuelle Zeichnung stelle ich morgens ins Regal meines Arbeitszimmers.
Die neue Publikation von Johannes Chwalek vereint mehrere Dimensionen: Einblicke in die Entwicklungsgeschichte einer katholischen Bildungseinrichtung, fachkundige und zugleich gut verständliche Erörterung grundlegender philosophischer Fragen, autobiographisches Material und zeitgeschichtliche Bezüge − vor allem ist sie ein beeindruckendes, lesenswertes Dokument einer den Tod überdauernden tiefen Freundschaft.
Thomas Berger
