Rezension von Franz Josef Schäfer


Johannes Chwalek: Saskia zu Besuch. Erzählung. Stuttgart: Scholastika Verlag 2024, 178 S.; ISBN 978-3-947233-92-2; 15,60 €

Philosophiestunde. Erzählung. Stuttgart: Scholastika Verlag 2025, 156 S., ISBN 978-3-912134-00-1; 15,90 €

 

Johannes Chwalek (* 1959), von 1970 bis 1976 Schüler des Bischöflichen Konvikts Bensheim und der Geschwister-Scholl-Schule, unterrichtete bis Ende des Schuljahres 2023/2024 Geschichte, Deutsch und Philosophie am Gymnasium Mainz-Oberstadt. Seine Erinnerungen an seine Schulzeit an der Geschwister-Scholl-Schule und das Konvikt hat er in den Festschriften zum 40-jährigen und 50-jährigen Jubiläum der Schule 2012 und 2021  veröffentlicht. Die Geschichte des Bensheimer Konvikts hat er in vier Aufsätzen dargelegt: Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim. Erster Teil: 1888–1939. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 44 (2011), S. S. 86–114; Zweiter (fragmentarischer) Teil: 1950–1981. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 45 (2012), S. 213–238; Die Enteignung des Bischöflichen Knabenkonvikts Bensheim durch das Land Hessen. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 64 (2012), S. 277–289; „Denn die Hauptaufgabe ist halt doch das Studium“ – Elternbriefe Karl Kunkels als Rektor des Konvikts Bensheim. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 58 (2025), S. 269–292. Johannes Chwalek ist nicht nur als Historiker tätig, sondern auch als Schriftsteller. Bereits 2008 gab er im Verlag Hager in Stolzalpe heraus: Drei Rektoren. Eine Internatsgeschichte. Sein Roman „Gespräche am Teetisch“, der 2019 in Frankfurt am Main, edition federleicht, erschien, hat autobiografischen Bezug und bezieht sich von der Handlung her auf das Bensheimer Konvikt. Bensheimer Lokalkolorit ist auch im Sammelband „Skizzen eines Schachspielers. Erzählungen“ zu finden. Er wurde 2021 im Stuttgarter Scholastika-Verlag veröffentlicht. Auch in seiner nächsten Veröffentlichung sind Bezüge zur Region zu finden: „Unbeschwerte Stunden des Erzählens. Erinnerungen“, ebenfalls im Scholastika-Verlag erschienen.

Chwaleks aktuelle Veröffentlichungen „Saskia zu Besuch. Erzählung“ aus dem Jahre 2024 und „Philosophiestunde. Erzählung“, 2025 veröffentlicht, enthalten ebenfalls autobiografische Bezüge. Die Leserinnen und Leser werden in der Erzählung „Saskia zu Besuch“ mit der Situation des Bensheimer Konvikts zur Zeit des Ersten Weltkrieges konfrontiert.

Die Erzählung gliedert sich in fünf Kapitel: 1. Der Krieg ist erklärt, S. 34–85; 2. Thomas von den Bergen, S. 86–111; 3. Der Prä geht nach Berlin, S. 112–147; 4. Das Plakat, S. 148–156; 5. Kriegsmüdigkeit, S. 157–177. Eröffnet wird die Erzählung mit einer längeren Rahmenhandlung, die vom Ablauf des Besuches der früheren Referendarkollegin Saskia bei Lina, der Frau des Erzählers, handelt. Wir erfahren einiges über die Familienverhältnisse, auch über die vierjährige Tochter Livi, deren Zeichnung das Cover ziert, und die Liebe der Familienmitglieder zu Tieren. Nur zögerlich kam ein Gespräch zwischen der Besucherin und dem Erzähler zustande, der u.a. von seinen Forschungsarbeiten erzählen wollte. Als Saskia vorzeitig abreiste, beschloss er, das Gespräch mit ihr fortzusetzen, als wäre sie noch anwesend. Er liest ihr und somit uns aus einer noch nicht abgeschlossenen Arbeit vor, die er zudem kommentiert.

Der zwölfjährige Ludwig, Schüler der 6. Klasse des Gymnasiums, steht vor einem holzgerahmten Glaskasten des Schülerheims zu B. und liest in der Zeitung die Schlagzeile: „Die Schicksalswürfel sind gefallen. Der Krieg ist erklärt und die kriegerischen Ereignisse haben alsbald eingesetzt“ (S. 34). Wir erleben die Kriegsbegeisterung der Jugendlichen, lernen auch Präfekt Zeisig kennen, den zweiten Erzieher nach dem Rektor, der von den Schülern „Prä“ genannt wird. Ludwig sieht, dass Zeisig nur verhalten auf Siegesfanfaren reagiert. Für die Bewusstseinsbildung Ludwigs wurde dieser Prä immer bedeutsamer. Im Kaufhaus Jakobi – eine Anspielung auf Zacharias Jakoby, den jüdischen Vorbesitzer des Bensheimer Kaufhauses Ganz – kaufte er Ludwig ein Notizbuch. Zwischen den beiden entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Wir erleben, wie Ludwig zunehmend kritischer die Kriegsberichterstattung beurteilt, aber sich auch im Kameradenkreis isoliert fühlt. Ludwigs Haltung vertieften zudem die Gefallenenmeldungen ihm bekannter Kameraden des Schülerheims.

Beeindruckend sind die Dialoge und später Textpassagen, als der Prä, der wegen seiner pazifistischen Einstellung von Eltern angefeindet wurde, B. verließ und in Briefkontakt mit Ludwig blieb. In Berlin war Zeisig in der Kriegsgefangenenfürsorge eingesetzt. Viele dieser Dialoge oder Briefzitate sind von zeitloser Gültigkeit, etwa: „Die Geschicke der Völker werden nicht nur gelenkt durch Kaiser, Präsidenten oder Premierminister, sondern auch durch die Volksmassen. Gibt es nicht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen beiden Seiten, das darin besteht, dass zwar das Volk durch die Obrigkeit beherrscht wird, die Herrschenden aber nicht gänzlich gegen den Volkswillen regieren können?“ (S. 63).

Die letzten Kapitel sollen nur knapp angedeutet werden. Darin spielen die Friedensbotschaften Papst Benedikts XV. eine Rolle sowie die Rede eines früheren Schülers, der von seinen Fronterlebnissen berichtete, aber nicht in dem Sinne, wie es der Rektor erwartet hatte.

Johannes Chwalek ist eine spannende Erzählung gelungen. Die Namen der Kriegsfreiwilligen des Schülerheims und die Formulierungen ihrer Gefallenenmeldungen sind angelehnt an die Namen und Traueranzeigen früherer Schüler des Bischöflichen Knabenkonvikts Bensheim, wie der Autor in einer Nachbemerkung angibt.

Die Bezüge zu Flörsheim, der Heimat des Autors, sind ausführlicher dargelegt in seinem Aufsatz: „Ersehnter Friede. Die Kriegs-Chronik des Bürgermeisters von Flörsheim, Jakob Lauck, vom 25. Juli 1914 bis zum 3. Juli 1919. In: Nassauische Annalen 135 (2024), S. 443–461“.

 

Die Erzählung „Philosophiestunde“ enthält fünf Kapitel und einen Epilog.

Zunächst erleben wir zwei Konviktoren, Jeannot C., den Ich-Erzähler, und Thomas G., die sich auf Anregung des Leiters des Konvikts in B. mit der Geschichte der Philosophie befassen und vom Präfekten beraten werden. Im Laufe des Studiums richtet sich der Blick der Jugendlichen auch auf die Geschichte ihrer Lehranstalt. Ihnen wird ein Beitrag aus Band 44 der Geschichtsblätter Kreis Bergstraße empfohlen, der von Franz Josef Hüter, einem Lehrer der Geschwister-Scholl-Schule, stammt. Der Präfekt besorgte im Dom- und Diözesanarchiv M. Kopien von Akten des Konvikts, die er den Jugendlichen zur Verfügung stellte. Jeannot präsentierte schließlich seine Ergebnisse im Speisesaal und regte abschließend an, das Ziel der Konviktserziehung neu zu definieren, da das ursprüngliche Ziel der Priesterausbildung nur noch von ganz wenigen Konviktoren in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts angestrebt wurde.

Viele Jugendliche befürchteten nun, dass ihr Konvikt geschlossen werden könnte. Sie als „häuslich Geschlagene“ wollten auf keinen Fall in ihre zerrütteten Elternhäuser zurückkehren und entschlossen sich zu einer Flugblattaktion, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Chwaleks Erzählung beinhaltet zudem Kernaussagen bedeutender Philosophen. Beispielsweise wird dem Präfekten folgende Ausführung zu Thomas Hobbes in den Mund gelegt:

„Ich denke, dass der Staat notwendige Ordnungsfunktionen erfüllt und möchte mir nicht ausdenken, wie es ohne diese Rahmenbedingungen aussehen würde. Insofern habe auch ich Vorbehalte gegen unsre eigene Spezies. Die Diktatur, in der ich zwölf Jahre lang gelebt habe, hat mir gezeigt, dass die Wolfsnatur des Menschen sich des Staates bemächtigen konnte, anstatt dass sie von ihm gebändigt und in Schranken gehalten wurde. Der gute Staat im weitesten Sinn – von Hobbes als Monarchie gedacht, von uns heute als parlamentarische Demokratie – ist keine Selbstverständlichkeit, wir müssen uns darum bemühen“ (S. 107).

Der Epilog würdigt anerkennend Leben und Werk von Konviktleiter Otto L. und Präfekt Siegfried S.

Johannes Chwalek hat zwar die allermeisten Namen von Personen und Orten nicht als Klarnamen angegeben, aber doch Hinweise gegeben, dass das ehemalige Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim gemeint ist. Beispielsweise wird das Kirchberghäuschen erwähnt, „eine seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaute Restauration auf dem Kirchberg, die nachts beleuchtet wurde“ (S. 70). Zudem lassen Darmstädter Straße und Rodensteinstraße Rückschlüsse auf Bensheim zu.

Die Erzählung „Philosophiestunde“ ist dem Schriftsteller Thomas Berger (* 1952) gewidmet, dessen Werkgeschichte Chwalek 2023 dargelegt hatte.

 

                                                                                                 Franz Josef Schäfer, Illingen (Saar)