DER HAHN UND DIE TAUBE


Thomas Berger

DER HAHN UND DIE TAUBE

Ein Hahn stolzierte unter den Hennen eines großen Hofes. Da kam ein Artgenosse des Weges und näherte sich einer der vielen weiblichen Vögel. Sofort rannte der erste Hahn mit gespreizten Halsfedern herbei, schlug klatschend die Flügel über seinem Rücken zusammen und entfesselte einen heftigen Streit, den er schließlich für sich entschied.

Dies Treiben beobachtete eine auf dem Dach des Hühnerstalles sitzende Taube. Sie wunderte sich über den Anspruch des Siegers, unter den Hennen der Alleinherrscher zu sein und sie allesamt für sich zu haben. „Was bist du nur für ein gieriger Geselle“, rief sie ihm zu, „dir fehlt jede Zärtlichkeit und Sanftmut.“ Und sie fuhr fort: „Sieh mich an, meine Partnerin ist schon seit geraumer Zeit gestorben, aber ich suche keine neue Verbindung, girre nur manchmal, wenn ich mich sehne. Meinst du nicht auch, dass es besser wäre, liebevoll und treu zu sein?“

Der Hahn reckte den Hals, so hoch er konnte, und kehrte unwirsch der Taube den Rücken zu.

So meilenweit entfernt voneinander und unvereinbar sind oft die Standpunkte der Menschen.