Geschichte als „ewiges Nun“ gedacht, Kitaro Nishida


Geschichte als „ewiges Nun“ gedacht, Kitaro Nishida

26.02.2018

In seinem Werk „Der Stimme der Mystik lauschen“ (Kösel, 2005) zitiert und kommentiert Gerhard Wehr für den 13. Februar aus den „Confessiones“ des Kirchenvaters Aurelius Augustinus. Augustinus beschreibt hierin seine Suche und sein Bemühen der Gottes-Erkenntnis. Hierbei soll seine Seele ihm gleichsam als „Gottes-Leiter“ dienen, womit er hinaufsteigen, hinanklimmen, seinen Leib wie auf Stufen übersteigen kann und letztlich hinausschreiten will zu jenem Gott, der ihn erschaffen hat.

 

Vergegenwärtigen wir uns kurz wichtige Stationen seiner vita: Aurelius Augustinus wurde 354 n.Chr. in Thagaste geboren und starb 430 n.Chr. in Hippo Regius, beides Orte im damaligen Numidien, heute Algerien. Vor seiner Bekehrung zum Christentum hing er verschiedenen Glaubensrichtungen an. Von Beruf war er „Rhetor“, zunächst in Thagaste und Karthago, später dann in Rom und Mailand. In Mailand begleitete er das renommierte Amt des kaiserlichen „Rhetors“ unter Kaiser Valentinian II. (371-392 n.Chr.). Das heißt, dieser Mensch war gewohnt, mittels Logik und Rhetorik als alles bezwingende „Rede-Kunst“, jedes beliebige Thema so darzustellen und seinem Gegenüber so zu präsentieren, dass er argumentativ den Rede-Streit zu gewinnen vermochte. Im Jahre 386 ereignete sich Augustinus‘ berühmtes Bekehrungserlebnis (vgl. Confessiones, VIII, 12,29), und im darauf folgenden Jahr wurde er in der Osternacht von Bischof Ambrosius von Mailand christlich getauft. Philosophisch über Plotin (205-270 n.Chr.; Neuplatoniker) und Porphyrius (233 bis ca. 305 n.Chr.; der Kommentator des Aristoteles in der lateinischen Sprachwelt) bestens mit der griechischen Kultur und Gedankenwelt vertraut, studierte Augustinus fortan die Paulinischen Schriften (vgl. Bibel, NT, Apostel Paulus: div. Predigten, div. Briefe an wichtige Gemeinden des Urchristentums sowie an Freunde und christliche Weggefährten; was Petrus der Kirche, ist Paulus der Mission) und übernahm hieraus die Gnadenlehre für seine eigenen theologischen Schriften. Seine Darlegungen und Schriften machten ihn zu einem der vier wichtigsten und einflussreichsten Theologen der lateinisch-sprachigen Spätantike und zu einem der wichtigsten Vertreter der „Patristik“ des Frühmittelalters. Bis zu seinem Tode begleitete Augustinus das Amt des Bischofs von Hippo Regius.

 

Warum erwähne ich diese Details? Nun, der Rhetor Augustinus wusste sehr wohl den Mächtigen seiner Zeit zu gefallen, diese gebührend zu rühmen, zu ehren und zu preisen, auch wusste er eloquent einen Diskurs zu führen und einen Rede-Wettstreit für sich zu gewinnen. Jedoch jener „Aurelius“, der „unruhigen Herzens“ nach Gott fragte und suchte, der sich auf allen erdenklichen Rhetorik-Wegen diesem Gott zu nähern suchte, der musste sich eingestehen, dass mit Logik und Rhetorik alleine der Aufstieg zu Gott nicht zu bewältigen sei. Wohl ließ sich mit Platon und Plotin auf philosophische Weise in immer höhere Geistes-Sphären aufsteigen (vgl. Platon: Symposion, dort: „Diotima Dialog“). Auch ließ sich mit Aristoteles vortrefflich das eigene Denken strukturieren und beständig korrigieren. Allein: weder auf dem einen noch auf dem anderen Weg gelangte Augustinus zu Gott. Was dem Philosophen Platon der wahrheits-liebende Éros war, der den Tugendhaften bis zur Schau der göttlichen Ideen hinanzog, das wurde bei Augustinus im profanen Bereich des Menschen dessen Seele und im Bereich des christlichen Glaubens der „Heilige Geist“ sowie die „Göttliche Gnade“, die es dem Suchenden ermöglichen, dass sein „Herz“ letztlich Ruhe findet in Gott. Übrigens alles Aspekte, die sich tausend Jahre später in der Theologie des Augustiner-Chorherren und „Reformatoren“ Martin Luther wiederfinden werden.

 

Interessant an beiden „Wegen“ — Platons Aufstieg zu den zu schauenden, un-sichtbaren Ideen; Augustinus‘ Aufstieg hin zu Gott; der eine Weg philosophisch begründet, der theologische Weg indes als Adaptation platonischen Denkens — sind doch jene menschliche Denk-Strukturen, denen ein hierarchisch geprägtes Welt-Bild und Gedanken-Muster zugrunde liegt. Der Mensch „unten“ steigt bei Platon „durch die Dunkelheit“ hinauf „zum Licht“ (vgl. Platon: „Höhlengleichnis“, Politeia, 7.Buch, 106a-b); der suchende „Aurelius“ als der nach Gott fragende Mensch, steigt mittels seiner Seele, seines Glaubens und kraft Göttlicher Gnade hin-auf bis zur Schau eines christlichen Gottes. (En passant: als Augustinus lebte, gab es noch keinen Islam als weitere, monotheistische Weltreligion, da dieser erst im Jahre 622 n.u.Z. als Religion gegründet wurde. Neben den polytheistischen Religionen der Antike waren als monotheistische Religionen folglich nur Judentum und Christentum mit seinen Vorstellungen vom „Einen“, vom „Vater-Gott“, wirksam.) Beiden Denk-Konzepten ist ein „Unten“ und ein „Oben“ gemeinsam, eine göttliche Ordnung, eine Hierarchie (aus gr. hierós für göttlich, heilig und archē für Anfang, Prinzip, Ordnung). „Unten“, das ist der Lebens-Bereich und der „Wohn-Ort“ des Menschen mit seinen „Erscheinungen“, seinen Irrungen und Wirrungen (aufgrund seiner Sinnes-Eindrücke…). Hier ist der Welt-Bereich mit seinen wechselnden, niemals sich gleichbleibenden Phänomenen (vgl. u.a. Platon, Phaidon). Was auch immer sich dem Menschen mittels seiner Sinnes-Wahrnehmungen zeigt (gr. phaino), das ist nie die „Welt an-sich“, der „Baum an-sich“, etc.pp., sondern lediglich ein „Abglanz“, ein „Schatten“, ist in seinem Da-Sein lediglich ein „Etwas-Sein für-uns„. Oder, modern formuliert: Dem betrachtenden „Subjekt“ steht ein betrachtetes „Objekt“ gegenüber. Selbst Zeit vergeht. Gegenwart wird Vergangenheit und Zukunft wandelt sich in Gegenwart, bevor auch diese wieder, stets „flüchtig“, gleichsam fließend, vergeht. Welt, das ist ewiger Wandel der Erscheinungen im Strom der Zeit. Diesem menschlichen Wohn-Ort wird ein „Oben“ als der Bereich der „Ideen“ sowie als der Bezirk der antiken Götter und Gottheiten oder aber eines christlich gedeuteten „Himmels“ als Wohnstätte des „Einen-Gott“ gegenüber gestellt. Der menschlichen Realität aus Irrtümern, Krankheit, Leid und Tod (z.B. durch Naturkatastrophen und Kriege) entwirft ein hierarchisch strukturiertes Denken ein Götter-Ideal, das Attribute wie Allwissenheit, körperliche Unversehrtheit (ewige Jugend), Glück bzw. immerwährende Freude sowie Unsterblichkeit umfasst. Hier, im Bereich des „Olymps“ wie auch des christlich gedachten „Himmels“, gibt es weder „Anfang“ noch „Ende“ noch ein Vergehen der Zeit; und da es weder einen Wechsel der Zeit gibt, kann es auch keinen Wandel der Gottheiten geben und diese bleiben — anders als der Mensch — immer sich selber gleich. Dieses hierarchisch-gegliederte „passe partout“ gilt sowohl für sokratisch-platonisch erdachte Götter, als auch für den platonischen Begriff des „Demiurgen“ bzw. des „Anhypotheton“, als auch für die heute noch gültige Vorstellung des christlich Einen-Gott. Der stufenhafte Aufstieg von unten nach oben gelingt mittels geordnetem Denken. Sei es nun sokratisch-platonisch, sei es aristotelisch. Logisches Denken ordnet den Bereich der Sterblichen; und es verweist, gleichsam sich selbst transzendierend, auf jenen numinosen Bereich des Göttlichen, des Absoluten, das es als „Denken“ selbst nicht zu erreichen vermag. Dieses Denken weiß einerseits sehr wohl um eine „Metá-Ebene“ des Menschen wie auch des Da-Seins, weiß um ein „Darüber-Hinaus“ jen-seits seiner selbst, ohne andererseits jemals diesen Horizont betreten oder gar druchschreiten zu können. Dieses denkende Wissen ahnt zwar, aber weiß nicht mehr. Es bleibt die „unaufhebbare Grenze“ allen Denkens (vgl. Karl Jaspers). Jen-seits davon herrscht Nicht-Wissen oder wissenschaftlicher Aberglaube. Hierarchisch gegliedertes, geordnetes, strukturiertes Denken vermag zwar, indem es sich selber transzendiert, die „Chiffern der Transzendenz“ zu erahnen, vermag zwar deren „Signa“ in der Welt in den Blick zu nehmen (beides Jaspers-Termini), doch dann wird diesem „lichten Denken“ (Kant, Heidegger), diesem „erhellenden Denken“ (Jaspers), diesem auf Verstand und Vernunft sich gründenden „aufklarenden Denken“ (Kant) unaufhebbares „Dunkel“, das sich weder „lichten“ lässt (vgl. Martin Heidegger’s Termini der „Lichtung“, des „Lichtens“, der „a-letheia“, u.a.m.), noch vom Menschen zur Gänze „dechiffrieren“ lässt (vgl. Karl Jaspers). Beginnend bei Platons Philosophie der „Ideen“, über das „noumenon“ bei Aristoteles, sodann angeeignet durch die christliche Mystik und von dieser durch die Jahrhunderte weitergereicht, tradiert, fand diese Gedanken-Welt der „Metaphysik“ ihren vorläufigen Abschluss in der Philosophie Martin Heideggers und Karl Jaspers. Jedoch, sowohl die Fundamentalontologie Heideggers, als auch die Periechontologie Jaspers, als auch die Mystik der Religionen bergen und bewahren das „Geheimnis-Volle“ vor dem voreiligen und Macht-orientierten Zugriff des Menschen als dem „Maß-Gebenden“ (vgl. u.a. homo mensura-Satz, Protagoras) und „Werte-Schöpfer“, als dem generellen „Macher“ und dem „Alles-Könner“. In all diesen philosophischen Konzepten oder mystischen Glaubens-Wegen bleibt ein „Rest“ von „Schweigen“; einer-seits „beredt“ für jenen Menschen, der mit seinem „Herzen“ zu „hören“ vermag, anderer-seits „wohlgehütet“ vor dem Zugriff des „Bloßen“, des „Oberflächlichen“, des „menschlich Allzumenschlichen“ (Nietzsche).

Fortsetzung folgt

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