AM ABGRUND


Thomas Berger

AM ABGRUND
Über den Roman Sapphos Sprung von Karen Aydin

Die Erschaffung der Welt stellt die jüdisch-christliche Tradition als Sechs-Tage-Werk dar. In ihrem Roman Sapphos Sprung, 2021 im Verlag edition federleicht erschienen, setzt Karen Aydin nur geringfügig länger an, um ihre Leser an einem nachgerade abenteuerlichen Experiment teilhaben zu lassen. Nicht an einem kosmologischen Geschehen, wohl aber an einer kaum weniger dramatischen Entwicklung.

Wir befinden uns an einer „unbefestigten Steilküste“, zu der „ein kleiner Pfad“ führt, in irgendeinem „Oktober“ der Gegenwart. Zwischen den beiden Protagonisten, einem Mann und einer Frau, liegen „etwa dreißig Meter“. Sie kennen einander nicht. Er steht „gefährlich nahe an dem Punkt […] an dem der kalkweiße Felsen lotrecht zum Meer“ abfällt. Wird es ihr, die ihn beobachtet, in zehn Tagen, die zugleich als Kapitel des Buches anzusehen sind, gelingen, den mutmaßlich zum Suizid Entschlossenen vom Sprung abzuhalten?

Die beiden kommen ins Gespräch. Nach einer Weile des gemeinsamen Schweigens äußert der Mann über den Horizont, den er betrachtet: „Es ist der gleiche Horizont, den die Menschen sehen, bevor sie sich hier in die Tiefe stürzen.“ Hier? Ja, denn es handelt sich im Glauben der Menschen um einen magischen Ort, eine Klippe auf der griechischen Insel Lefkada. Bereits in der Antike soll sich die Dichterin Sappho aus verschmähter Liebe hinabgestürzt haben. Der Stätte wohnt indes, so will es die Überlieferung, kein nur zerstörerischer Charakter inne, vielmehr wird der „Schritt ins Ungewisse“ als „Schritt in ein neues Leben“ verstanden. Was aber kann das bedeuten? Erklärt sich so der Gleitschirm, den der wohl zum Tod Bereite bei sich hat? Bald besteht an der Absicht des Mannes kein Zweifel mehr: „Ich sollte den Sprung wohl machen, bevor die Sonne untergeht.“ Und schon setzt er an, wird aber vom starken Wind an den Felsen zurückgeworfen. Die in „Panik“ geratene Frau sagt sich, dass sie „ihn ablenken, ihn unterhalten“ müsse. Was kann sie tun? Rasch besinnt sie sich, „sie hatte viele Bücher gelesen, sie kannte Geschichten und Märchen“.

Und nun beginnt ihr großes Wagnis: Sie erzählt und erzählt. Wir kennen das Motiv aus der arabischen Sammlung Tausendundeine Nacht. Darin lässt sich ein König, enttäuscht von der Untreue seiner Gemahlin, jede Nacht mit einer anderen Jungfrau ein, die am Morgen danach getötet wird. Da verfällt Scheherazade, Tochter eines hohen Würdenträgers, auf einen klugen Plan: Sie fasziniert 1001 Nächte lang den König in Fortsetzungserzählungen, so dass er sie schließlich vor dem Tod bewahrt.

Am ersten Tag in Sapphos Sprung verwickelt die Frau, die denn im Roman auch mehrmals als Scheherazade bezeichnet wird, den Mann in eine Geschichte, die den Titel „Mila“ trägt. Die Fortsetzung, auf die er gespannt ist, erfolgt unter der Überschrift „Laura“ am zweiten Tag, bis er „lächelnd“ fragt: „Ich vermute, das ist der Punkt, an dem die Geschichte heute nicht weitergehen kann?“ Wir ahnen die Antwort: „Da haben Sie recht […] Und wenn Sie wissen möchten, wie es weitergeht …“

In allen Erzählungen der zehn Tage, an denen die Treffen stets an dem legendären Felsgestein stattfinden, geht es um Beziehungen, Träume und Realität, Konflikte und die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen. Das deuten auch die jedem Kapitel vorangestellten Auszüge aus überwiegend englischsprachigen Songs an. Im Verlauf des Erzählens über „Florian“ am dritten Tag führt eine gewisse Nähe zwischen den beiden Hauptfiguren, die sich inzwischen eingestellt hat, zu der Bemerkung des Mannes: „Ich glaube, ich muss Ihnen morgen etwas zu essen mitbringen.“ Und am vierten Tag, als die Frau von „Dario“ erzählt, heißt es schon: „Seine Gegenwart war ihr unendlich angenehm.“ Die Bemerkungen, die sie zu dem jeweils gerade Erzählten tauschen, nehmen größer werdenden Raum ein. Als sich die beiden am Abend in heiterer Stimmung voneinander verabschieden, fällt der Frau nachsinnend ein, dass er zum ersten Mal das Wort „wir“ verwendete. Was die Erzählkunst nicht alles zu bewirken vermag!

„Er kam jeden Tag wieder“, lesen wir am Beginn des fünften Tages. „Lag es an ihr oder an den Geschichten?“ Der Mann und die Frau machen es sich „bequem“: Sie holt, ehe sie von „Jochen König“ erzählt, „zwei kleine Plastikschüsseln und zwei Teller“ hervor, gibt „Erdbeeren auf den einen und Himbeeren auf den anderen“. Und es nimmt kaum wunder, wenn sich am nächsten Tag, einem sonnenwarmen, der Mann auf den Boden legt, „den Kopf auf seinen Rucksack“ gebettet. Sie betrachtet ausgiebig sein „überaus prachtvolles […] phantastisches, plüschiges, phänomenales Haar“, das sie gerne berührt und gestreichelt hätte. Doch sie besinnt sich und fährt in der Erzählung des Vortages fort, bis sie von „Evelyn“ spricht.

Die „Vertrautheit“ zwischen ihnen wächst, schon ist er „ihr ganz nahe“, als sie am siebten Tag von „Lenhart Endres“ zu erzählen beginnt. Das Kapitel endet mit dem Satz: „Wie jeden Abend gingen sie den Pfad gemeinsam hinunter. Ihre Hände waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.“ Sie würde, lesen wir am achten Tag, dem Mann am liebsten „eine Statue errichten“, entscheidet sich dann, ihm „ein literarisches Denkmal“ zu setzen, und fängt an zu schreiben, und zwar Gedichte. Freilich: Als der Mann erscheint, lässt sie das Geschriebene „unter ihrem Bein verschwinden“. „Thalia“ heißt die neue Geschichte. Und wieder geht es um das nie versiegende Thema Liebe – und, wie auch am neunten Tag, um die Liebe in der Literatur. „Große Liebesgeschichten“, sagt der Mann, „werden immer gelesen werden“. Die Frau dagegen hat „Bedenken“, äußert die „Vermutung, dass das in einer möglichen Zukunft nicht mehr so sein könnte“. Und dann erzählt sie davon in der Geschichte „Das Archiv“.

Auch ein mit großer Fabulierlust geschriebenes Buch geht – leider! – einmal zu Ende. Und so ist der Roman an den zehnten Tag gelangt. Die Frau kommt später als geplant an die Klippe. Bemerkenswert ist die Reaktion des Mannes darauf: „Ich hatte Angst, dass Sie nicht kommen würden.“ Und dann sprechen die beiden Protagonisten, anknüpfend an die tags zuvor begonnene Geschichte,  von „verbotenen“ Büchern. Die Frau erklärt: Bücher über die Liebe seien „verboten“, weil sie „gefährlich“ seien. Weshalb? „Die Menschen haben unter der Liebe mehr gelitten als unter jeder anderen Emotion.“ Und dann kommt es zu einem Ausflug in die Werke der Weltliteratur, beispielsweise zu Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers. Ausführlich sprechen die beiden über die vielfältigen, etwa gesundheitlichen, Schäden, welche die Liebe bewirken kann, aber auch darüber, dass die Liebe „eines der wichtigsten Motive für unsere Handlungen“ sei. Endlich suchen sie in einer kleinen, verlassenen Hütte Zuflucht vor einem sich anbahnenden Gewitter. Die Frau „stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie nie in den Alltag, in die Realität zurückkehren müssten. Wenn sie für immer auf der Insel leben könnten und in dieser kleinen Hütte wohnten.“ Noch sagt sie ihm nicht, „dass sie ihn liebt“. Der zehnte Tag ist ganz der Liebesgeschichte der beiden Hauptfiguren gewidmet. Bleibt die Frage: „Wo sollte die Geschichte heute enden, wo sollte sie beginnen?“ Dann der Schluss: „Kommen Sie heute Abend auch zur Lesung?“, fragt der Mann. Mit der Antwort der Frau schließt Sapphos Sprung: „Natürlich […] Ich liebe Dichtung.“

Was für ein Buch! Gestaltet mit erzählerischer Finesse, gespeist aus einer reichen, schier unerschöpflich scheinenden Phantasie. Karen Aydin  bietet eine Fülle von literarischen Anspielungen, ohne es den Lesern damit allzu schwer zu machen. Ihre gut verständliche Sprache, ihre Lebensfreude und ihr Humor machen den Roman, der sich durch einen klaren Aufbau auszeichnet, zu einem besonderen Lesevergnügen – und zu einer Bestätigung der menschenfreundlichen Überzeugung, welche der römische Dichter Vergil in die Worte fasste: „Omnia vincit Amor“, alles besiegt die Liebe (Bucolica X, 69).