Friday for Future — was geht?


Friday for Future — was geht?

19.05.2019

 

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Aktivist*innen deutschland-, europa-, weltweit. Es tat einem in der Seele wohl, nach 30, 40 Jahren scheinbarer politischer Agonie endlich einmal wieder engagierte junge Menschen in Deutschlands Straßen zu sehen, die für ein wirklich wichtiges Anliegen aktiv einstehen und „Flagge“ bzw. Transparente zeigen. Junge Menschen, die für unser aller Zukunft „Welle“ machen. Gut so! Und ja, ihr habt schon recht, wir alten Schnarchsäcke haben’s mal wieder vergeigt, verkackt, verpennt und haben euch und uns allen eine Welt hinterlassen, die einem „Griff ins Klo“ nicht nur gleicht, sondern ist. Wir, die Älteren, die eure Großeltern sein könnten, haben’s gründlichst vermasselt, wie einstmals unsere eigenen Großeltern. Diese politisch, wir ökologisch. No future — hier nicht und nicht anderswo! No future — für niemanden! Legal, illegal, scheißegal… Tja, so sind wir halt — wir Älteren.

Aber ganz so einfach ist es dann doch auch wiederum nicht. Als wir so jung waren, wie ihr heute seid, da hatten auch wir hochfliegende Ideale: wir demonstrierten damals u.a. für „Abrüstung“ und gegen den atomaren Supergau / Overkill — das war im sog. „Kalten Krieg“, als es noch „Macht-Blöcke“ gab. Auch demonstrierten wir für „soziale Gerechtigkeit“ und gegen die Ausbeutung der Armen — Ernesto „Che“ Guevara war unser Idol, unsere Ikone, unser „Heilsbringer“; ja genau der Typ mit dem visionären Blick in die Zukunft und dem Baskenbarret mit dem Stern vornedrauf; „Che“ war unsere Integrations-Figur für Freiheit und soziale Gerechtigkeit, bevor er als Comic-Figur millionenfach verramscht wurde, von T-Shirts über Feuerzeuge bis hin zu Party-Krachern. Na ja, wir waren schon damals ziemlich naiv und träumten von einer friedlichen „Welt-Revolution“. Und auch dafür demonstrierten wir, als wir in etwa so jung waren, wie ihr heute seid: gegen den ungebremsten Ausbau des Frankfurter Flughafens — damals ging es um die Erweiterung durch die sog. „Startbahn K 18 West“; mit Aktivisten-„Hüttendorf“ im Wald (wie heute im Hambacher Forst). Den Kahlschlag des Bannwaldes und den Bau der Startbahn konnten unsere Aktionen jedoch nicht verhindern, da die hessische Landespolitik — unsere parlamentarischen Vertreter — damals wie heute schützend ihre Hand über den Konzern hielt. Das war 1980/81.

Warum berichte ich euch heute diese Erfahrungen? Was lief denn nach 1980 so krass „schief“, dass wir heute in einer „globalisierten Welt“ voller Ausbeutung, Entrechtung und Versklavung leben. In einer Welt, in der die 26 reichsten Reichen über ebenso viel Vermögen verfügen, wie 50% der Weltbevölkerung, d.h. 3,8 Milliarden Menschen. Nun, wir resignierten, passten uns an die konjunkturellen, politischen, gesellschaftlichen Mitläufer an, gaben nach und nach unsere Ideale preis. Zogen uns ins Private zurück. „Die Andern sollen’s richten“, oder auch „ohne mich…!“, wurde unsere allgemeine Lebens-Devise. Schließlich kann man in einer Utopie ja nicht leben. Leben kann man nur in der Realität. Folgerichtig gestalteten andere nun diese — immer wieder gegen unseren Willen. Faktisch erlebte Ohnmacht tut weh. Man kann diesen seelischen Zustand nicht auf Dauer leben. Also, was tun: Anpassen…?!

Mit nichten. Manche von uns gingen alternative Wege. Sie wurden schon früher von den etablierten Parteien und deren Mitläufer als „Spinner“ und „Phantasten“ abgetan. Jedoch: aus ihnen entstand eine ökologische Bewegung, die sich einerseits als Partei „Bündnis 90 / Die Grünen“ etablieren konnte, wie sie andererseits heute für tausende Projekte verantwortlich zeichnet: Vom Gewässerschutz (1980 waren Main und Rhein bessere Industrie-Kloaken mit einem lebensgefährlichen Schadstoffmix; heute ist die Wasserqualität des Rheins so gut, dass wieder Lachse und Forellen darin vorkommen…), über Naturschutz und Umweltschutz (euer Thema heute war schon in den 1980er und 90er Jahren das Thema von Organisationen wie NABU und BUND…), vom Atomausstieg zu „Erneuerbaren Energien“ (z.B. die bw. „Stromrebellen“, mit ihren Ideen einer „Stromversorgung in Bürgerhand“ contra transnationaler Konzerne wie etwa Vattenfall, RWE, Eon, etc.pp.), vom Erhalt und Schutz alter Haustierrassen (z.B. Glanrind versus Holsteiner-Turbokuh; schwäbisch-hällisches Sattelschwein versus eierlegende „Wollmilchsau“, etc.pp.) bis hin zur heutigen „Sozialen Landwirtschaft“ mit ihren Permakulturen und alten, nicht genveränderten Gemüse- und Obstsorten. Als wir alten Schnarchsäcke jung waren, brannte folglich die Luft. So wie bei euch Friday-Aktivisten heute…

Aber das Paradoxon bleibt. Was wir politisch aktiven Bürgerinnen und Bürger jedoch nichtverhindern konnten, war die immer weiter ausufernde Korruption und Prostitution unserer politischen Mandatsträger — sei es nun in unseren Landtagen, sei es im Bundestag, sei es in den europäischen „Schaltzentralen“, sei es in der Lobbyisten-Hauptstadt Brüssel. Gegen den Willen der Wähler*innen kam und kommt es zum sog. „Drehtüreffekt“, d.h. hochrangige Politiker wechseln direkt in die Vorstandsetagen von transnationalen Konzernen (vgl. Vita von Gerhard Schröder, SPD), während Manager in die Büros von Staatssekretären et al. einziehen, um dort an Gesetzestexten „mitzuarbeiten“ bzw. sie diktieren (vgl. das Vorgehen der Autolobby bzgl. der Verbräuche und Emissionen). Politisch gewollt undlegal. Wie die Aushöhlung der Demokratie via Lobbyismus funktioniert, könnt ihr exemplarisch über die u.g. Links recherchieren. AlleMandatsträger der etablierten Parteien sind inzwischen käuflich geworden. Es ist nur eine Frage des „Preises“. Das ist die bittere Wahrheit. Wenn wir einmal die Parteien-Landschaft durchdeklinieren wollten, so würde, beginnd bei der „AfD“ und endend bei der „Linken“, jede größere Partei, die mit einer Fraktion im Bundestag vertreten ist, ihre kleineren und größeren Skandale aufweisen. Wir müssten nur „nachhaltig & robust“ recherchieren.

Exkurs: Für die hessische Parteienlandschaft lässt sich folgendes bestätigen: Seit den 1980er Jahren, als ein SPD-Ministerpräsident (Holger Börner) und ein FDP-Wirtschafts- und Verkehrsminister (Heinz-Herbert Karry) vor den damaligen Flughafenbetreibern (FAG) einknickten und den Bau der „K 18 West“ billigten, ist die Infiltration des Hessischen Landtages durch Flughafenmanager immer weiter vorangedrungen. Zwar saßen und sitzen hess. Politiker (MdL) stets im Aufsichtsrat des Flughafens (das Land Hessen hält die Aktienmehrheit am Frankfurter Flughafen), jedoch um die Zukunfts-Visionen des Fraport-Konzerns politisch abzusichern und gegen berechtigte BI-Interessen zu protegieren. Im Gegenzug saßen und sitzen Flughafenmitarbeiter in der Hess. Staatskanzlei, um an Gesetzen mitzuschreiben und diese im Sinne der Fraport AG durchzusetzen (Stichwort: „Lex Fraport“, 2007). Letzter Stand 2018/19: der Leiter der Unternehmenskommunikation Fraport, Jürgen Harrer (CDU), ist zum Nachfolger des Landtagsvizepräsidenten, Frank Lorz (CDU), ernannt worden. Eine politische Rochade, da Harrer keinen Listenplatz innehatte, sondern auf persönlichen Wunsch Lorz‘ zu seinem Stellvertreter ernannt wurde. Mit funktionierender Demokratie hat solches politisches Fehlverhalten meines Erachtens nichts mehr zu tun. Waren es früher noch u.a. FDP-Granden wie etwa der Luftfahrt-Lobbyist Wolf-Dieter Zumpfort (FDP), die in Berlin und Brüssel die Türen für die Belange der Luftfahrt- bzw. Flughafenkonzernen öffneten, so sind es heute Landtagsvizepräsidenten und deren Stellvertreter.

 

Doch retour. Ihr könnt natürlich auch die nächsten Jahre weiter demonstrieren, an Freitagen die Schule schwänzen und von den o.g. skizzierten Politikern eine Änderung ihrer Unternehmens-Politik verlangen. Allein, diese Mischpoke wird euch weder die Erde noch eure Zukunft retten. Das müsst ihr schon selber tun! Ihr solltet deshalb cleverer und smarter als eure Vorfahren sein: Übernehmt doch selbst die Verantwortung für euer Verhalten. Warum eure Verantwortung delegieren — an wen auch immer?? Bedenkt und verändert doch euer eigenes Konsum-Verhalten, wenn es z.B. um den täglichen Gebrauch eures SmartPhones geht (Frage: wisst ihr wie lange man z.B. einen LED-Bildschirm, einen Kühlschrank, eine Microwelle, etc.pp. mit dem Strom, den ihr täglich beim Chatten verbraucht, betreiben könnte…?). Bedenkt und verändert euer eigenes Konsum-Verhalten, wenn es z.B. um eure Reise-Gewohnheiten geht (Frage: wisst ihr wieviel Jahre man ein Mehrfamilienhaus mit dem Äquivalent an Öl heizen könnte, wenn ihr mit einem Flugzeug eine Fernreise, sagen wir nach Asien, unternehmt…? Weiß einer von euch, wieviel Liter Kerosin täglich verbraucht werden und dass der Kerosin-Preis nur einen Bruchteil des Benzin-Preises beträgt…?). Bedenkt und verändert euer eigenes Konsum-Verhalten, wenn es z.B. um „Express“-Zustellungen an eure Haustüre geht (sei es nun „Zalando“ oder „Lieferando“, sei es „Amazon“ oder aber Paketservices wie etwa UPS, DPD, etc.pp.; Frage: wisst ihr wieviel Dieselkraftstoff in Deutschland alleine von Paket- und Lieferdienste täglich verbraucht wird und wieviel CO2und NOx-Partikel dies in die Innenstädte einträgt…?). So ließe sich die Liste der eigenen Verantwortlichkeiten ad infinitum verlängern. Ihr selbst seid euch selbst eure Zukunft! Ihr selbst könnt die „response-ability“, die Fähigkeit zur Antwort, entwickeln und sie sein. Wir Älteren und Schnarchsäcke haben diese Fähigkeit in einzelnen Gruppen und Lebens-Bereichen für unsere damaligenHerausforderungen entwickelt. Jedoch scheinen wir im Welt-Ganzen gescheitert zu sein. Die Chance, die euch Jüngeren und Jungen bleibt, ist, aus den Fehlern und dem Fehlverhalten der Älteren und Alten zu lernen und andere Schlüsse zu ziehen, um andere Wege in die Zukunft zu bahnen. Diese Zukunft jedoch wird ohne Eigen-Verantwortung nicht möglich sein. Zukunft findet entweder durch euer Mit-Tun statt, oder gar nicht…—

 

Apropos Mit-Tun: Jene von euch, die schon wählen dürfen, können ihre eigene Verantwortung unter Beweis stellen und am kommenden Wochenende bei der anstehenden Europawahl wählen gehen. Da es sich hierbei um eine Verhältniswahl handelt, bei der jede gültig abgegebene Stimme zählt, gilt: Je mehr Bürger*innen votieren, desto geringer wird der Anteil der rechtspopulistischen Stimmen ausfallen. Anders gesagt: würden am Wahltag 1.000 gültige Stimmen abgegeben und davon 500 auf den Zusammenschluss von AfD, Lega, et al. (zukünftig: EAPN) entfallen, so würden sie 50% des Wahlergebnisses ausmachen. Bei 10.000 zu 500 jedoch nur 5%… Auch hier gilt: wir alle tragen eigene Verantwortung für ein Europa, in dem wir unsere Zukunft gestalten wollen. Ein rechtspopulistisch-nationalistisches, mithin faschistisches, diktatorisches Europa, das sich für Abschottung und gegen jedwede Form von Migration entschieden hat, das zudem von Angst beherrscht und durch Angst regiert wird, das als einzige Informations-Quelle zensierte Staatsmedien und/oder Internet-Blasen kennt (die Älteren können sich noch recht gut an die real existierenden Verhältnisse in der „Deutschen Demokratischen Republik“ erinnern…). Oder aber für ein demokratisches Europa mit verbürgten Menschenrechten, mit verbrieften Freiheitsrechten, mit freiem, kritischem, investigativem Journalismus und einer offenen Zukunft, die von allen Bürger*innen aktiv mitgestaltet werden kann… Wir haben die Wahl.

 

 

Quellen und Hinweise

 

ZDF planet e, Hektarweise Geld, 19.05.2019

https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e

 

Odysso — Wissen im SWR, Agrarlobby gegen Agrarpolitik, 16.05.2019

https://swrmediathek.de/player.htm?show=2c2758c0-7196-11e9-a7ff-005056a12b4c

 

Odysso — Wissen im SWR, Kreuzfahrtschiff, Flieger oder Auto — wieviel darf ich reisen?, 09.05.2019

 

Interessanter Wahlkampf-Spot

 

VID-20190419-WA0002