INNEWERDEN


Thomas Berger

INNEWERDEN
Der Schriftsteller Johannes Chwalek
und das Bensheimer Konvikt

Wer mit den literarischen Arbeiten des Mainzer Gymnasiallehrers und Autors Johannes Chwalek vertraut ist, weiß um das sowohl in seinen regionalgeschichtlichen als auch in den erzählenden und poetischen Texten häufig wiederkehrende Motiv des Bischöflichen Knabenkonviktes in  Bensheim. Johannes Chwalek verbrachte dort in den Jahren 1970-1976 die Schulzeit.

Die Bände 44 und 45 der Geschichtsblätter Kreis Bergstraße enthalten seine das Konvikt betreffenden Beiträge: Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim. Erster Teil: 1888-1939 [1] sowie Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim. Zweiter (fragmentarischer) Teil: 1950-1981 [2]. Die beiden Ausarbeitungen umfassen die gesamte Zeit des Bestehens der Einrichtung des Mainzer Bistums von den Anfängen bis zur Schließung. Das Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte und die Mitteilungen des Museumsvereins Bensheim veröffentlichten die Untersuchung Johannes Chwaleks: Die Enteignung des Bischöflichen Knabenkonviktes in Bensheim durch das Land Hessen [3].

Neben diesen Studien zur Regionalgeschichte verfasste Johannes Chwalek den Roman Gespräche am Teetisch [4]. Grundlage des Buches bilden die eigenen jugendlichen Aufzeichnungen des Autors. Vor dem Hintergrund der zerstörerischen Familienverhältnisse schildert der Text die befreienden Erfahrungen des Protagonisten in einem Internat.

Schon im Jahr 2007 publizierte Johannes Chwalek in der österreichischen Zeitschrift meine quelle fragt einen literarischen Beitrag über Peter Anton Degen, der während der Internatszeit des Verfassers im Bensheimer Konvikt Zivildienst leistete. [5]

Es folgten die beiden Erzählungen Feldpostbriefe und Otto Lause, die Johannes Chwalek in seinen Band Skizzen eines Schachspielers [6] aufnahm. In der Geschichte Feldpostbriefe treten drei Erzieher eines „Schülerheims in B.“ auf, unter ihnen der Präfekt. Das Zusammenleben im Haus ist anschaulich geschildert, und zugleich wird erzählerisch der Bogen geschlagen zur Thematik des Krieges. Schließlich deutet der Text das besondere Vertrauensverhältnis zwischen dem Präfekten und einem Schüler an. Die Geschichte Otto Lause wiederum handelt von einer Begegnung des namenlosen Ich-Erzählers, der vier Jahrzehnte zuvor das Internat verlassen hatte,  mit dem damaligen Rektor Otto Lause, der das Amt von 1971 bis 1973 bekleidete.

Zwei weitere Buchveröffentlichungen Johannes Chwaleks beziehen sich auf das Konvikt in Bensheim bzw. das „Katholische Schülerheim“: Unbeschwerte Stunden des Erzählens. Erinnerungen [7] und Saskia zu Besuch. Erzählung [8].

Eine große Anzahl von Gedichten über das Bensheimer Konvikt tritt zu den regionalgeschichtlichen und erzählenden Texten hinzu. [9] Aus der Fülle sei ein Gedicht beispielhaft angeführt:

grubst du erinnrung

abends im schlafsaal
stefan georges gedicht
totgesagten parks

uns vortragend mit
emphase das tiefe gelb
das weiche grau die

letzten astern nicht
vergessend geheimnisvoll
neu vielversprechend

grubst du erinnrung
herrentum und heiterkeit
fürs nüchterne jetzt

All die erwähnten Texte kreisen, wie gesagt, um das Thema Knabenkonvikt in Bensheim. Hinzu kommt, dass Johannes Chwalek zu den Monatstagen einunddreißig Bilder gezeichnet hat, die jeweils eine Episode aus der in Bensheim erlebten Zeit festhalten. Diese Bilder schmücken zwei Wandpartien seines Arbeitszimmers, und auf einem Tischchen stehen hintereinander Fotografien davon, die jeden Tag ausgewechselt werden, so dass das Foto des jeweiligen Gedenktages vorne zu sehen ist. Bei einer derartigen Konzentration auf den nur wenige Jahre währenden Aufenthalt als Schüler, der zudem weit zurückliegt, stellt sich die Frage, warum Johannes Chwalek, mittlerweile kurz vor der Pensionierung stehend, immer wieder in seinen Publikationen und in traulichen Gesprächen auf seine Konviktszeit rekurriert. Um einen möglichen Einwand aufzugreifen: Erweckt eine solche Zentrierung des Interesses um Vergangenes nicht den Eindruck von Monotonie?

Das zitierte Gedicht enthält einen Wink, der zu einer Antwort führt. Das angesprochene lyrische Du, hinter dem sich der Präfekt Siegfried Schramm verbirgt, welcher von 1950 bis 1975 im Bensheimer Internat wirkte, hat in dem Zögling Johannes Chwalek tiefe Spuren hinterlassen. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass der Internatsschüler in einem häuslichen Umfeld aufwuchs, das durch Missachtung und Erniedrigung von Seiten der Stiefmutter gekennzeichnet war. Von dieser Folie der Drangsal hoben sich umso leuchtender die geordneten Bahnen des Alltags im Konvikt und insonderheit die Geist und Herz fördernde und sogar freundschaftliche Zuwendung des Präfekten Schramm ab. Wurde solchermaßen Erinnerung gegraben, kann von Eintönigkeit schwerlich die Rede sein, wenn Zurückliegendes mit Hilfe der Imagination immer wieder absichtlich erneuert wird.

Rückwärtsgewandtheit hebt sich dann, das sei nebenbei bemerkt, positiv von der in den letzten Jahren verstärkt zu beobachtenden Präferenz von belletristischen Werken ab, die einen unmittelbaren Bezug zu tagesaktuellen politischen Vorgängen aufweisen. Erinnerungen erwachsen aus persönlichen Wahrnehmungen einstiger Zeiten und schenken daher „in späteren Jahren ein neues Gefühl von Individualität“ [10]. Sie vermögen etwas vor dem endgültigen Verlust zu retten: „Was tief uns bewegt / was festzuhalten / wir innig wünschen / auch dies versinkt / im Abgrund der Zeit // Eins nur vermag / zu bewahren / Abglanz und Echo / wenn stark genug / das Erinnern.“ [11]

Der zum Erinnern Gewiesene lebt aus der Kraft, die das Erinnerte stets neu stiftet. Insofern bilden Rückbezug und jeweilige Gegenwart des Erinnernden ein kreatives Paar: Früheres wird vergegenwärtigt, also aktiv hervorgebracht und auf diese Weise immer wieder erneuert. Die beständige Erinnerungsarbeit Johannes Chwaleks zeigt exemplarisch, dass wir nicht aus dem Neuen, sondern aus dem Alten schöpfen – „Mitten / im Neuen / trägt uns / das Alte.“ [12]

[1]  Lorsch 2011, S. 86-114

[2]  Lorsch 2012, S. 213-238

[3]  64. Jg., Speyer 2012, S. 277-289

[4]  Frankfurt am Main 2019, 198 S.

[5]  Bd. 1, Stolzalpe 2007, S. 71-78. Im Text wird der Klarname nicht genannt.

[6]  Stuttgart 2021, S. 84-141; S. 142-166; Rezensionen von Thomas Berger zu den sechs Erzählungen des Buches auf: https://www.die-schreib-art.de

[7]  Stuttgart 2023

[8]  Stuttgart 2023/24

[9]  Die Gedichte sind größtenteils veröffentlicht auf: https://www.die-schreib-art.de

 

[10]   Johannes Chwalek, Unbeschwerte Stunden des Erzählens. Erinnerungen, Stuttgart 2023, S. 110

[11]  Aus: Thomas Berger, Ruf (Auszug)

[12]  Aus dem Gedicht Umsorgt von Thomas Berger, in: Das Gedicht, Speyer 2012, S. 33