EIN FEIERABEND 2


EIN FEIERABEND

 

Zwischen Niederbirkenfeld, einer beschaulichen Kleinstadt am Rande des Gelbhaargebirges, und meinem Wohnort Mackenrode beträgt die Entfernung fünf, genauer: fünf Komma sechs Kilometer. Die Angabe verdankt sich dem Tachometer an meinem Fahrrad, der verlässlich Auskunft gibt. Gibt? Eigentlich müsste ich sagen: gab. Andererseits … Doch ich will der Reihe nach erzählen.

Bis zum Donnerstag der letzten Woche fuhr ich werktäglich, da mir Automobile ein Gräuel sind – überhaupt empfinde ich zuweilen Besitz als Last –, mit dem Fahrrad die fünf Komma sechs Kilometer ins Büro und die gleiche Strecke, versteht sich, wieder zurück. Dann, an jenem Donnerstag, ereignete sich in der milden Luft des Spätsommerabends das Folgende.

Ich hatte Gerätschaften im neben meinem Haus gelegenen Schuppen verstaut und war im Begriffe, die Tür zu verriegeln, als ich am Ende des Weges, der zum Gartentor führt, eine Gestalt bemerkte. Ich bin, da ich allein lebe, nicht besonders ängstlich. Aber die fremde Person erregte doch meine Neugier. So stellte ich mich vorsichtig hinter einen schützenden Holunderbusch und spähte.

Die Gestalt – jetzt erkannte ich, dass es ein Mann war – kletterte über das Tor und ging direkt auf mein Fahrrad zu, das ich an der dort befindlichen Holzhütte anzulehnen pflegte und das dort immer unbehelligt gestanden hatte. Ich rückte, von dem Eindringling unbemerkt, weiter vor und sah, wie der junge Mann ohne Eile, so schien es, aus seinem Rucksack einen Bolzenschneider hervorholte. Mir war natürlich klar, was der Gauner vorhatte. So schlich ich mich noch näher an ihn heran. Mit einem Ruck durchtrennte er das Kabelschloss. Ich hätte doch, zuckte es mir durch den Kopf, ein mit Stahl ummanteltes Seil kaufen sollen. Der an Lippen und Augenbrauen gepiercte Mann schob nun seelenruhig mein Fahrrad, das ich täglich brauche, zum Gartentor und hob es hinüber, wobei einige Speichen im Schein der nahen Laterne glänzten. Dann stieg er über den Zaun, schwang sich in den Sattel und verschwand im Dunkel des Abends.

Erleichtert, beinahe heiter ging ich zurück in mein Haus.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 Gedanken zu “EIN FEIERABEND

  • Gerhard Lesch

    Eine Hans-im-Glück-ähnliche Geschichte erzählt Thomas Berger auf so poetische Weise, dass man direkt einen Tee dazu trinken mag. Die sensiblen Abstufungen der Sprache bewahren eine leise Ironie in sich, die mich zum Schmunzeln bringt.

  • Thomas Berger

    Ihre einfühlsamen Worte, lieber Herr Lesch, haben mich nun meinerseits einen Besuch bei der – wie man in Irland sagt – Königin Tee machen lassen. Danke!