Wie sieht Erich Fromm den Menschen? 1


Wie sieht Erich Fromm den Menschen?

 

Erich Fromm (1900-1980) hat die Frage nach dem Menschen neu gestellt. Neu bedeutet, dass er eigene Antworten gegeben hat. Bis heute wird über diese Antworten nachgedacht auf Konferenzen und Seminaren, vor allem bei der weltweit zu findenden Leserschaft. Dies bedeutet, dass seine Antworten etwas taugen müssen und der Betrachtung und des Mitdenkens wert sind.

Als Psychoanalytiker und Sozialphilosoph ist es Fromm wichtig, die Natur des Menschen zu analysieren und die Forderungen, die sich daraus ergeben, etwa in Bezug auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse, mit gesellschaftlichen Bedingungen zu vergleichen, in denen der Mensch lebt.

Wie sieht Fromm den Menschen? Von welchen Grundbedürfnissen geht er aus? Die Sonderstellung des Menschen in der Natur illustriert Fromm mit Hilfe des Tiervergleichs. Das Tier lebt in Harmonie mit der Natur. Die dortigen Bedingungen nimmt es als gegeben hin, ohne sie verändern zu wollen. Der Mensch dagegen fühlt den Riss zwischen sich und der Schöpfung. Sein Intellekt ist sein Segen und sein Fluch. Er transzendiert sich selbst und erkennt sich als zeitliches und endliches Wesen. Er fühlt sich von der Natur bedroht und versucht sie zu beherrschen, um der Bedrohung Herr zu werden. Sein Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit wird er nie ganz los.

Seelisch schwankt der Mensch zwischen Regression – dem Ausleben seiner physischen Grundbedürfnisse und dem Wunsch, die verlorene Harmonie mit der Natur wiederzuerlangen – und Progression: eine selbsttätige Antwort auf das Rätsel seiner Existenz zu finden und dadurch das Gefühl seiner Heimatlosigkeit zu verringern.

Eigentlich ist der Mensch nach Fromm ein kreatives Wesen, das nicht passiv bleiben kann. Der freien Ausübung seiner Kreativität stehen jedoch häufig Hemmnisse verschiedenster Art entgegen. In innerer Stockung und Hemmung greift er etwa zum Mittel der völligen Anpassung an seine soziale Umwelt, oder er isoliert sich, oder er wird destruktiv bis hin zur Fremd- oder Selbstzerstörung.

Fromms Werk hat konkrete zeitgeschichtliche Anknüpfungspunkte, die in der Analyse der kapitalistischen westlichen, insbesondere US-amerikanischen Gesellschaft ab den dreißiger Jahren bestehen. Eine persönliche Machtquelle, gegen die sich der Mensch richten könnte, wie früher ein König oder Firmenchef, gibt es nicht mehr. Der Kapitalismus ist nebulös geworden und zeigt sich in der Vergöttlichung des Geldes und allem, was damit zusammenhängt: „Effizienz“, Rücksichtslosigkeit gegenüber dem austauschbar gewordenen Einzelnen im Produktionsprozess und dem Verlust von Individualität. Der Einzelne wird nach seinem Marktwert taxiert und reagiert darauf, dass er zunächst nach möglichster Anpassung und Konformität strebt. Er verzichtet darauf, in seiner Arbeit noch ein Mittel der Selbstfindung sehen zu wollen; es genügt ihm völlig, wenn sie für ihn zum Mittel der Selbsterhaltung wird. Bezahlen muss er diese ihm vom Gesellschaftsprozess aufgenötigte Rolle damit, dass er Gefahr läuft, zum Roboter zu werden und die Unpersönlichkeit, die ihm der Produktionsprozess abverlangt, mehr und mehr in sein Inneres zu übertragen. Er entfremdet sich von sich selbst. Der Riss in seiner Existenz als Mensch vergrößert sich zu einem Loch in seiner Persönlichkeit.

In seiner Verzweiflung sieht er die Liebe als mögliche Rettung. Mehr und mehr wird die Liebe zu einem Phantasma für ihn, weil er sie sich erhofft oder ersehnt in Gestalt des Märchenprinzen oder der Märchenprinzessin. Dass die Liebe eine mögliche Reaktion auf die Energie seiner eigenen Persönlichkeit ist, die er so weit wie möglich entwickeln sollte, sieht er nicht. Zur Liebe ist nur fähig, wer mit sich selbst im Reinen ist – vor allem aber, wer im Prozess seiner selbst steht und nichts mehr betrauert oder bewahren will, was sich seiner Natur nach nicht bewahren lässt.

Wir ehren einen Denker auch durch kritischen Einspruch. Fromms Auffassung vom Tier, das fraglos in seiner Umwelt lebe, ist mir durch ein Erlebnis mit meinem Hund Timo zweifelhaft geworden, auch wenn ich konzedieren muss, dass ein Hund domestiziert und kein „wildes“ Tier ist, das Fromm bei seiner Aussage am ehesten vor Augen stand. Als Timo erst relativ kurze Zeit unser Hausgenossen war, erlebte ich den Augenblick mit, als er – der ehemalige Straßenhund – realisierte, dass er nun einen guten Platz gefunden habe und künftig sicher und geborgen sei. Ein Hund kann weder lachen noch lächeln, aber eine Energiewelle der Freude und des Glücks ging von Timo aus, die ich deutlich empfand – obgleich alles vollkommen lautlos vonstatten ging.

 


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